Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Die berittene Gebirgsmarine zu Fuss

Ulrich Mädel, 1956 als Leitender Ingenieur zu den ersten KSS versetzt, erinnert sich an seine Zeit auf dem Dampfschulschiff „Ernst Thälmann“ und die Übernahme der ersten beiden KSS im Dezember 1956. Namensgebend ist die Geschichte des Obermaaten Uli Stock, der von einem Landgang pünktlich um 06.00 Uhr auf dem Rücken eines Pferdes der LPG Gramtitz an Bord zurückkehrte. Mit abschließenden Bemerkungen zu seinen vier Jahren auf KSS und zum Schulschiff „Ernst Thälmann“.

Dieser Ausdruck stammt wohl noch von der Kriegsmarine – keine Ahnung, wie er einmal entstanden sein könnte. Aber er tauchte anfangs der 50iger Jahre auch wieder bei der Seepolizei/Volkspolizei See auf, da zu Beginn des Aufbaus der maritimen Kräfte der DDR auch ehemalige Angehörige der Kriegsmarine - diesmal im sozialistischen Sinne - ihre Kenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung stellten. Das traf für alle Laufbahnen zu. So war zum Beispiel der erste LI des Dampfschulschiffes „Ernst Thälmann“, Oberleutnant Ing. Werner Ziemann, Fahrmaat auf einem Räumboot der KM gewesen. Infolge einer Kriegsverwundung an der rechten Hand fehlten ihm anderthalb Finger und seine Grußerweisung ähnelte deshalb stark dem Zwei-Finger-Gruß der Polnischen Seekriegsflotte. Unter strenger Anleitung des LI lernte ich als junger Zusatz-Ingenieuroffizier die ersten Schritte und praktischen Handlungen für den Betrieb einer dampfbetriebenen Antriebsanlage und die dafür notwendige knappe aber klare Kommandosprache kennen. Aus dem bisher gesagten geht schon hervor, dass ich zu dieser Zeit noch nicht Angehöriger einer KSS-Besatzung war.

Meine Versetzung zu KSS erfuhr ich erst am 26.11.1956. Die „Ernst Thälmann“ lag zu diesem Zeitpunkt planmäßig in der Neptunwerft in Rostock und die beiden ersten zukünftigen KSS der VP See hatten im Pinnegraben in Warnemünde festgemacht. Hier begann für mich die erste Einweisung in den Aufbau des Schiffes, die Gefechtsorganisation und die Antriebsanlage. Die eigentliche Baubelehrung für die neuen Besatzungen hatte ja schon im August – also ohne mich – begonnen. Etwas neugierig und neidisch hatte ich damals die gelungene Silhouette und starke Bewaffnung des sowjetischen KSS „Barzuk“ (Dachs) bestaunt, dass in Saßnitz festgemacht hatte und den zukünftigen DDR-Besatzungen zur Ausbildung zur Verfügung stand. Egal, jetzt musste erst einmal die umfangreiche Technik und Ausrüstung der beiden ersten KSS übernommen werden. Die Überfahrt nach Saßnitz am 10.12.1956 wurde als Abnahmefahrt gewertet. Die offizielle Übergabe/Übernahme erfolgte am 15.12. mit feierlichem Flaggenwechsel in Saßnitz. Tief beeindruckt von der Kraft und Leistungsfähigkeit der Antriebsanlage nahm ich meine neue Aufgabe als LI an.

Der Abschied von den „Thälmann-Maschinisten“ war mir nicht leichtgefallen. Besonders den Fahrmaaten Uli Stock vermisste ich, war er doch ein Meister seines Faches an der Dampfkolben-Maschine Typ Les-9 gewesen. Diese ventilgesteuerte Maschine hatte eine Unart: es konnte vorkommen, dass sie sich bei Achteraus-Kommando trotz voller Dampfzugabe nicht von der Stelle rührte. Sie hatte einen Totpunkt. Das konnte bei An- und Ablegemanövern für LI und Kommandanten peinlich werden und sogar zu Havarien führen. Dieser Totpunkt konnte nur verhindert werden, indem entgegen des befohlenen Fahrmanövers „Zurück“ nochmals Gegendampf „Voraus“ gegeben wurde. Das musste aber blitzschnell passieren und niemand beherrschte das besser als Uli Stock. Mit flinken Händen und fliegenden Armen bediente er die blitzenden Messinghandräder. Zuerst wurde ganz kurz das größere und erst unmittelbar danach das kleinere für die Rückwärtsfahrt betätigt.

Mit Uli Stock verbinde ich auch den Ausdruck der „berittenen Gebirgsmarine“. Der Obermaat ging während der Hafenliegezeiten mindestens 2x wöchentlich an Land. Sein Ziel war dann eine Gaststätte in der kleinen Ortschaft Lancken-Granitz am Rand von Saßnitz. Hier wurde auch getanzt. Als längerdienender Unteroffizier hatte er bis 06.00 Uhr früh Ausgang und war auch immer pünklich an Bord zurückgekehrt. An einem Septembertag 1956 weckte mich kurz vor 06.00 Uhr der Diensthabende des Schiffes: „Von deinen Maschinisten ist der Landgänger Obermaat Stock noch nicht zurück!“ Der DdS war ein neu zuversetzter, seemännischer Offizier. Ich beruhigte ihn. Es war ja erst 05.50 Uhr. Fünf Minuten später war im Hafen Pferdegetrappel und –schnaufen zu hören. Obermaat Stock kehrte wie immer pünktlich von Land zurück diesmal auf dem Rücken eines Pferdes. Das band er flink an einem Poller fest und ließ sich die pünktliche Rückkehr erst einmal in das Landgangsbuch eintragen. Der Diensthabende wies dann an, das Pferd sofort wieder zurück zu bringen, um Ärger mit der LPG Gramtitz zu vermeiden. Der Kommandant des Schulschiffes – Fritz Dorn – später legendärer KSS-Kommandant wertete diese Geschichte vor der Besatzung nicht als Pferdediebstahl, sondern als Beispiel wie im Sinne der Gefechtsbereitschaft selbst unter widrigen Bedingungen unter Ausnutzung örtlicher Möglichkeiten das Schiff noch pünktlich erreicht werden kann. Er wusste wohl auch, was er an dem Obermaaten hatte. Von der LPG Gramtitz kam übrigens nie eine Beschwerde an. Das zum Thema „Berittene (Gebirgs-)Marine“.

Nun noch einige abschließende Bemerkungen zu meiner vierjährigen Dienstzeit auf KSS. Es war eine schöne Zeit! Das hing wohl auch damit zusammen, dass mit dem Stamm der Offiziere, Meister, Maate und längerdienenden Matrosen ein so hoher Ausbildungsstand und eine solche große Geschlossenheit erreicht wurde, dass es kaum Störungen an der Antriebsanlage gab. Der Abschied von diesen Männern und vom Schiff zum Höheren Offizierslehrgang (HOL) auf der Schwedenschanze in Stralsund fiel mir emotional echt schwer. Der stets zuverlässige Pumpengast Stabsmatrose Butza half mir, mein Gepäck zum Bahnhof zu tragen. Ihn und viele andere Angehörige des GA-V halte ich in guter Erinnerung und mit einigen Besatzungsangehörigen gibt es heute noch stabilen Kontakt.

Die KSS-Leser mögen mir verzeihen, dass mein Beitrag auch recht oft das Schulschiff „Ernst Thälmann“ streift, dass im Januar 1961 seinen Namen an ein KSS abgeben musste. Aber erwähnenswert ist schon, dass auf diesem Schiff Hunderte von seemännischen Offiziersschülern erstmals Bordmief schupperten und ihnen Seebeine wuchsen. Sie lernten hier ihr nautisches und seemännisches Handwerk und die Schiffsicherung bei der Brand- und Leckbekämpfung. Und viele dieser Kursanten konnten sich später auch auf den Küstenschutzschiffen der DDR als hervorragende seemännische Offiziere beweisen.

— Ulrich Mädel

Verwandte Beiträge

Nach oben