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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Kalter Hund

Wolfgang Fiß, Turbinenfahrer auf dem KSS 401, wird im Sommer 1959 mit Verdacht auf Magengeschwür ins Krankenhaus Stralsund überwiesen. Sein kerngesunder Bordkumpel „Keule“ lässt sich kurzerhand mit einweisen, leidet unter der Wasserschleimdiät, verspeist nachts den von der Verlobten mitgebrachten „Kalten Hund“ und fliegt nach einem verräterischen Einlauf aus dem Krankenhaus.

Es war im schönen Sommer 1959. Seit der Indienststellung des KSS 401 im Dezember 1956 diente ich auf diesem Schiff. Inzwischen war ich Stabsmatrose und vom LI Uli Mädel als Turbinenfahrer für die Stb-Turbine eingesetzt. Privat war ich mit meiner späteren Frau Ursula verlobt. Wir wollten noch in diesem Jahr heiraten.

Unser Schiff lag zum Seeklarmachen an der Pier im Hafen Saßnitz. Die Kessel waren auf Betriebsdruck. Die Maschinen wurden getörnt. Man konnte sagen, es lief alles bestens. Nur mein nervöser Magen störte und bereitete mir zunehmend Probleme. So auch an diesem Tag. Um etwas Linderung zu bekommen, suchte ich den Feldscher in der Sanistelle des Schiffes auf. Nach eingehender Untersuchung lautete seine Diagnose „Verdacht auf Magengeschwür“ mit sofortiger Überweisung in das Krankenhaus Stralsund. Mit dem Auslaufen wurde es für mich erst einmal nichts. Ich meldete mich beim LI ab und packte meine Sachen. Während meines Aufbruchs lief mir mein Bordkumpel und Landgangsfreund, genannt „Keule“, über den Weg. Er befragte mich nach meinem Ziel und dann eingehend zu meinen Beschwerden. Dann sein überraschender Entschluss: „Warte mal. Ich gehe jetzt zum Sani und fahre dann mit dir zusammen ins Krankenhaus.“ Keule verschwand und kam tatsächlich mit der angekündigten Überweisung zurück. Ich war über alle Maßen erstaunt, da ich bisher von einem Magenproblem bei ihm nichts wusste. Im Gegenteil! Keule war immer kerngesund gewesen. Ich freute mich aber über seine Gesellschaft und zusammen fuhren wir nach Stralsund.

Das Krankenhaus am Sund machte auf uns einen hervorragenden Eindruck. Die Aufnahme verlief problemlos. Nach kurzer aber deutlicher Einweisung durch die Oberschwester fanden wir uns mit zwei weiteren Patienten in einem gemeinsamen Zimmer wieder. Wir hatten ein sonniges Balkonzimmer mit Blick- und Rufkontakt zur oberen Etage. Dort waren solche gefallenen Stralsunder Mädchen untergebracht, die sich im Fallen noch etwas weggeholt hatten. Also nicht gerade Engel. Und so flogen einige gepfefferte Dialoge von Etage zu Etage.

Die erste Visite durch Professor Külz legte den weiteren Ablauf der Behandlung mit den bekannten Schikanen vom Schlauchschlucken bis zur Magenspiegelung, strenger Diät und zusätzlichen warmen Umschlägen fest. Selbst die Tortur der Magenspiegelung ohne biegsame Welle haben wir Dank der fürsorglichen Betreuung durch eine hübsche, blonde, braungebrannte Schwester mannhaft überstanden. Bei guter Führung hatte man uns sogar Karten für das Gangkino im Krankenhaus in Aussicht gestellt.

Ich hatte nun wirklich ein Ulcus duodeni – also ein Magengeschwür. Nur bei meinem Kumpel konnte nichts festgestellt werden. Als wir bei einer Visite nach Beschwerden befragt wurden, klagte Keule über die Unverträglichkeit der Milchsuppendiät. Der Schuss ging aber nach hinten los. Keule bekam den Haferschleim nun mit Wasser verabreicht. Die ersten Tage ging ja noch alles gut, dann jedoch wurden Keules Blicke zu meinem vergleichsweise fürstlichem Milchmahl immer verzweifelter.

An den Wochenenden durfte Besuch empfangen werden. Auch mein Mädchen kam. Üblicherweise brachte man damals nicht unbedingt Blumen mit, sondern besondere Leckerbissen, die dann nach dem Besuch unter den Zimmerkumpeln aufgeteilt wurden. Eine Spezialität meiner Verlobten war ein so genannter „Kalter Hund“. Das war ein Kuchen mit mehreren Keks- und Schokoladenschichten. Da ich ja Magenpatient war, verschwand das Mitbringsel erst einmal im Nachttisch als Leckerbissen für spätere Zeiten. Ich hatte die Rechnung jedoch ohne meinen ausgehungerten Freund gemacht. Der hatte schon auf der Lauer gelegen, sich trotz meiner Warnung nachts über den „Kalten Hund“ hergemacht und ihn komplett vertilgt. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber meinem Freund ging es offensichtlich gut.

Wer schon einmal mit Magen-Darm-Geschichten im Krankenhaus lag, weiß, dass bei der morgendlichen Visite neben der Temperaturmessung immer eine Kernfrage gestellt wurde: „Stuhlgang?“ Bei mir und unseren zwei Mitpatienten war alles in Ordnung. Keule sagte wahrheitsgemäß „Nein“. Und das zum wiederholten Male. Ich glaube, so nach drei Tagen kam, was kommen musste. Der bewusste Patient war reif für einen Einlauf. Großes Klistier! Wir nahmen Anteil und hielten ihm eine Toilette frei, während er seine 20-minütige, verkniffene Wanderung im Gang vor unserem Zimmer antrat. Dann war es soweit. Das Geschäft war vollbracht und eine Schwester gewahrschaut, um das Ergebnis zu begutachten. Vorher durfte nicht gespült werden. Ganz blass kam sie aus der Toilette und stürzte gleich zur Oberschwester. Diese alarmierte den Stationsarzt. Nachdem dieser das Ergebnis ebenfalls begutachtet hatte, wurde Keule direkt zum Professor gerufen. Wir waren voller Spannung, ahnten aber nichts Gutes. Nach knapp 15 Minuten erschien Keule etwas blass wieder im Zimmer und packte seine Sachen. Auf unsere Nachfrage antwortete er nur einsilbig und meinte, dass das mit dem „Kalten Hund“ doch keine gute Idee gewesen sei. Er sei mit sofortiger Wirkung entlassen.

Aufklärung erhielten wir bei der nächsten Visite. Es hatte die medizinische Leitung doch in erhebliche Verwirrung gebracht, dass ein Patient, der sich die letzten Tage nur von Wasserschleimsuppe ernährt hatte, erst nicht auf den Topf konnte und dann durch einen Einlauf ein nicht nachvollziehbares, schwarzes Ergebnis geliefert hatte. Keules Geständnis, dass er einen ganzen „Kalten Hund“ verspeist hatte, löste zwar das medizinische Rätsel, führte aber auch zu seinem unverzüglichen Rausschmiss aus dem Krankenhaus. Ich wurde normal entlassen und ging für 10 Tage in Genesungsurlaub. Für den Rest unserer Bordfahrzeit klagte Keule nie mehr über Magenschmerzen und ich wünsche ihm, dass es auch in seinem weiteren Leben so geblieben ist.

— Wolfgang Fiß

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