Bordkater Felix
Beim inoffiziellen Besuch der „Karl Marx“ in Baltijsk im Frühjahr 1961 unter Vizeadmiral Verner platzt der heimlich an Bord gehaltene Bordkater Felix mitten in das Begrüßungszeremoniell für die sowjetische Admiralität, indem er von einem illegalen Landgang zurückkehrend über die Stelling stolziert. Der Kater muss von Bord und wird einem sowjetischen Jungen geschenkt.
Im Frühjahr 1961 hieß es, das Schiff „Karl Marx“ läuft zu einem Besuch der Flottenbasis Baltijsk aus. Ich diente damals als GA-I-Kommandeur. Kommandant war Kapitänleutnant Schreiber. Der noch inoffizielle Besuch der Volksmarine in Baltijsk stand unter Leitung von Vizeadmiral Verner, der meines Wissens damals schon Stellvertreter des Ministers für Nationale Verteidigung und Chef der Politischen Hauptverwaltung der NVA war. Die Vorbereitungen für die Fahrt wurden getroffen, das Schiff in Farbe gebracht, die Uniformen geschniegelt und gebügelt. Die Offiziere des Schiffes zogen in das Meisterdeck und machten so das Offiziersdeck für den Admiral und seinen Anhang frei. Mit uns zog auch unser Maskottchen um, der Bordkater Felix, ein Kater mit pechschwarzem Fell, weißen Pfoten, weißer Blesse auf der Nase und weißer Schwanzspitze. Wie er an Bord kam, wer ihn mitbrachte, wusste keiner. Jedenfalls war er eines Tages da und blieb bei uns. Alle liebten und verwöhnten ihn, vom Smutje bis zum Kommandanten. Aber offiziell durfte keiner an Bord etwas wissen, den laut Vorschrift „Dienst an Bord“ (DaB) waren Tiere an Bord verboten.
In der Vorbereitung wurde auch das gesamte Zeremoniell bis zum Erbrechen trainiert, also Paradeaufstellung an Steuerbord, Ehrenzug am Torpedorohrsatz, Kommandant und Diensthabender des Schiffes an der Stelling, sechs Maate mit Bootsmannspfeife landseitig. Diensthabender, Ehrenzug und Stellingsmaate waren handverlesen. Damit es dann auch klappt, wurde alles mehrmals durchgespielt. Nur einer war außen vor – Bordkater Felix. Er durfte nicht mitmachen und damit er nicht stört, war er im Meisterdeck eingesperrt. Endlich war alles klar zum Ablegen und zur Überfahrt. Der Admiral und sein Troß stiegen ein. Das Wetter war gut, die See ruhig und die Überfahrt lief reibungslos ab. Felix verhielt sich vorbildlich und lief keinem der hohen Gäste über den Weg.
In Baltijsk angekommen, verließen Vizeadmiral Verner und seine Begleiter das Schiff zu Maßnahmen oder Antrittsbesuchen in der Flottenbasis, nicht ohne vorher für die Besatzung Landgangssperre ausgesprochen zu haben. Wir lagen genau vor dem „Goldenen Anker“, der damals besten Kneipe von Baltijsk, und durften nicht von Bord. Spät in der Nacht kehrte der Troß mit einem – na, sagen wir mal - sichtlich angeheiterten Chef vom Ausflug zurück. Ich weiß das so genau, denn ich war der handverlesene Diensthabende.
Am nächsten Tag war nun für 10.00 Uhr der Gegenbesuch der Admiralität aus Baltijsk an Bord angesagt. Alles lief wie am Schnürchen. Es war ja auch lange genug trainiert worden. Die Besatzung trat in 1. Garnitur weiß auf Back, Schanz und dem Bootsdeck an. Je nach Dienstgrad immer höher, so zuletzt die Offiziere auf der Brücke. Der Ehrenzug stand am Torpedorohrsatz, Kommandant, Diensthabender des Schiffes und die Stellingsmaate … aber das hatten wir ja schon. An Land wartete Vizeadmiral Verner auf seine Gäste, die auch pünktlich eintrafen. Nach herzlicher, brüderlicher und somit kussreicher Begrüßung wurde das Zeichen zum Beginn der Zeremonie gegeben. Ich blies die Backen auf und trillerte ein Lang, ein Kurz in meine Pfeife. Das hieß „Front nach Steuerbord“, was auch der Kommandant laut befahl. Jetzt war der Ehrenzugführer an der Reihe: „Ehrenzug stillgestanden! Achtung, präsentiert das - Gewehr! Augen – rechts!“ Dabei blitzte sein Säbel zum Präsentiergriff durch die Luft und zehn Hände klatschten laut an die Karabiner. Die Stellingsmaate fingen zu fietscheln an.
Vizeadmiral Verner lud den sowjetischen Admiral ein, als erster über die Stelling an Bord zu gehen. Der wiederum bat den Gastgeber voraus zu gehen. Den Stellingsmaaaten ging langsam die Luft aus. Noch während sich beide Admirale so in Höflichkeit übertrafen, passierte es: Bordkater Felix kam von einem illegalen Landgang nach Hause, marschierte beiden Admiralen über die Schuhspitzen, nahm die Einladung der leeren Stelling dankend an und marschierte mit Stolz erhobenem Schwanz an Bord. Am entsetzten Kommandanten vorbei, betrat er den ausgerollten roten Teppich. Er stolzierte den Ehrenzug entlang und verschwand dann, sein derzeitiges Exil missachtend, im Offiziersdeck. Das Entsetzen stelle man sich vor! Allen blieb die Spucke weg. Aber es gab auch manchen, dem es sehr schwer fiel, ernst zu bleiben. Einige grinsten sogar unverfroren. Nun, das Zeremoniell wurde abgebrochen und erst wiederholt, nachdem Felix im Offiziersdeck eingefangen und im Meisterdeck verwahrt war. Diesmal lief alles ohne Zwischenfälle ab.
Das kommt also davon, wenn man Bordkater von militärischen Trainings ausschließt, vergisst, sie eindeutig über befohlene Landgangssperren zu belehren, ihnen nicht die Notwendigkeit einer zwischenzeitlich anderen Unterkunft erklärt und sie überhaupt bei der ideologischen Vorbereitung solcher Maßnahmen der Waffenbrüderschaft einfach übergeht. Dann kann Katerrache fürchterlich sein! Der Vorfall wurde überprüft und untersucht. Wer wusste vom Kater? Natürlich die gesamte Besatzung, einschließlich Kommandant. Wie kam der Kater aus dem Meisterdeck? Durch die Nachlässigkeit der dort Wohnenden, also aller Schiffsoffiziere. Wie konnte der Kater von Bord? Durch Unaufmerksamkeit der gesamten Wache, einschließlich des Diensthabenden. Es waren einfach zu viele am Desaster beteiligt, die man hätte zur Verantwortung ziehen und bestrafen müssen. Die ganze Wucht der Rache traf so alleine den von der ganzen Besatzung so geliebten, schwarz-weißen Kater Felix. Befehl von ganz oben: „Das Tier kommt von Bord! Und zwar sofort!“ So geschah es dann auch. Wir schenkten ihn einem kleinen Jungen, der mit seinen Eltern zur Besichtigung des Schiffes gekommen war. Es tröstete uns etwas, als wir sahen, wie glücklich der Kleine mit seinem Geschenk im Arm von dannen zog. Felix schien auch nicht ganz unzufrieden. Vielleicht hatte er während seines Landganges Bekanntschaft mit einer netten Katzen-Dame gemacht und hoffte auf weitere Rendezvous. Russisch musste er nun noch lernen, aber wie wir sahen, war er in guten Händen.
Ich war noch viele Male in Baltijsk, aber Felix habe ich nie wieder gesehen. Zum Andenken an ihn hieß unsere Bordzeitung noch lange Zeit „Bordkater Felix“ und wurde mit einem schwarzen Kater geziert. Der Befehl „Keine Tiere an Bord!“ wurde nach diesem Vorfall überall bei Androhung härtester Strafen strengstens durchgesetzt.
— Dieter Sperling
Verwandte Beiträge
- Dieter SperlingTeil 5
- Dieter Sperling, Siegfried PrinzTeil 4
- Dieter SperlingTeil 8
- Dieter SperlingTeil 9
- Karl-Heinz FenglerTeil 8
- Broschüre der Politischen Verwaltung der SSK der DDR (1957)Teil 3
