KSS „Rostock“ und seine Trophäen
Nachdruck eines Artikels von Horst Westphal aus der Ostsee-Zeitung vom 14./15. Mai 1983 über die Trophäen des KSS „Rostock“ fünf Jahre nach der Indienststellung: den Pokal für die beste U-Boot-Jagd (Hydrogast Knut Koppenhagen), den Pokal für das „Beste Schiff“ einer Geschwaderfahrt, den Sieg des Obersteuermanns Holger Lach als bester Steuermann, die NVA-Verdienstmedaille, das Minenklarmachkommando und die Pokale des Kommandanten Fregattenkapitän Günter Senf als „Bester Kommandant der Flottille“ 1981 und 1982.
Anmerkung der Redaktion: Diesen Artikel fand Dieter Ballwanz bei Aufräumarbeiten in seiner Gartenlaube. Er stammt aus der OZ vom 14./15. Mai 1983 und wurde von Horst Westphal niedergeschrieben.Das Bildmaterial wurde aus dem redaktionseigenen Fundus zugefügt
Von Trophäen soll hier die Rede sein. Landläufig werden sie vor allem der Jagd zugeordnet. Es kann im Bild geblieben werden, denn die Jagd auf U-Boote, ihre Suche – also Ortung, Begleitung und Bekämpfung ist mit die wichtigste Aufgabe des KSS „Rostock“ der Volksmarine. Zu all diesen Symbolen, die auf der Anrichte in der Offiziersmesse zu sehen sind und die in den fünf Jahren seit der Indienststellung von der Besatzung als Ausdruck ihres zuverlässigen politischen Handelns, soliden militärischen Könnens und sicheren seemännischen Fertigkeiten erworben wurden, gehört der vom Chef der Polnischen Seekriegsflotte verliehene Pokal für die beste Leistung während der U-Boot-Jagd eines gemeinsamen Geschwaders der sozialistischen Ostseeflotten, das unter seiner Leitung stand.
Zu Recht wurden die Fähigkeiten der Besatzung hervorgehoben; doch ein Kollektiv verwirklicht sich durch den einzelnen. Stabsmatrose Knut Kopenhagen stellte sich bescheiden „nur“ als der Hydrogast vor. Zu seinen Vorgesetzten zählen der Kommandeur der Gefechtsstation Hydroakustik (Ausbreitung und Reflexion des Schalls unter Wasser) mit der Aufgabe der Ortung von Unterwasserzielen, und dieser sei ein Stabsobermeister mit neun Dienstjahren und geschätzten 250 U-Jagd-Einsätzen, das große As, dem kein U-Boot entkomme, sowie ein junger Maat mit guten theoretischen Kenntnissen, aber mit noch wenig Erfahrung.
Die U-Boot-Jagd, von der hier die Rede ist, hatte es in sich. Es herrschten komplizierte Meeresbedingungen, denn Salz- und Temperaturschichtungen reflektierten an diesem warmen Frühlingstag die im weiten Seegebiet ausgestrahlten Impulse verzerrt. Zudem war es eine Übung der verbündeten Flotten, bei der erfahrene sowjetische Kommandanten mit ihren U-Booten zur Zieldarstellung fuhren. Schließlich weilte auch der Chef der Volksmarine an Bord – nur einer fehlte: das As in der U-Boot-Jagd, der Stabsobermeister, der krank im Lazarett lag.
Der junge Maat und sein Stabsmatrose hatten sich bereits 39 Stunden an der Anlage geteilt. Kein Unterwasserziel war bisher aufzuspüren gewesen. Das Ende Übung nahte. Ein Misserfolg? Wozu kann der im Ernstfall führen? Zu diesem Zeitpunkt fungierte der Maat als 1. Operator und plötzlich schien es ihm, als vernehme er auf der runden Sichtscheibe einen eigenartigen Impuls. Das könnte doch …? Aber es war eben seinen erste U-Boot-Suche… Vielleicht täuschte er sich auch. Fragend schaute er den Stabsmatrosen an, der schon sechs derartige Einsätze mitgemacht hatte. Mit Selbstverständlichkeit tauschten sie die Plätze in dem knapp 10 m² kleinen bulleylosen Raum vor den graugrünen Apparaturen und den bunten Kontroll- und Signallämpchen. Knut Koppenhagen packte der Ehrgeiz als er den Bildschirm des 1. Operators einnahm, auf dem sich gelblich-grün die Ausbreitung des Schalls darstellt, als er sich die Kopfhörer überstreifte, die rhythmisch das helle Pfeifkonzert des Echotons wiedergaben. Nun wollte er beweisen, dass die befohlenen Aufgabe auch gelöst werden kann, wenn das U-Jagd-As nicht an Bord ist.
Zwischen all den Reflexen von Fischschwärmen und Wracks, von Felsen und Überwasserschiffen, die ihre elektronischen und akustischen Visitenkarten auf Bildschirmen und Kopfhöreren abgaben, erkannte auch er – trotz der komplizierten hydroakustischen Bedingungen – sofort ein „besonderes“ Ziel mit markanten Eigenheiten. Eine Bewegung des Objektes wurde ersichtlich. Das Echo klang unverkennbar metallisch. Aus der eigenartig klingenden Atmosphäre der Unterwassermusik waren Eigengeräusche des Zieles vernehmbar. Das konnte nur das gesuchte U-Boot sein.
Meldung über Kontakt, Peilung und Entfernung gingen an die Brücke, die Werte in die UAW-Waffenleitanlage. Befehle von der Brücke folgten: Kontakt halten, Bewegungselemente weiter bestimmen, Werfer laden, gehe auf Angriffskurs, Achtung – Salve! Ein helles Zischen, Feuer und Rauch begleitete die Serie reaktiver Übungs-Wasserbomben. Treffer! Nur drei Minuten waren vergangen, seit Stabsmatrose Koppenhagen, „nur“ Hydrogast auf dem KSS „Rostock“ als 1. Operator seine Arbeit aufgenommen hatte.

Den Pokal des Chefs der Baltischen Flotte der UdSSR für das „Beste Schiff“ während einer gemeinsamen Geschwaderfahrt von Kampfschiffen der sozialistischen Ostseeflotten ist gleichfalls am genannten Ort zu betrachten. Geschwaderfahrt – das heißt, eine Vielzahl von Aufgaben zu lösen, die von der Schiffsführung verlangen, zur vorgegeben Zeit auf dem richtigen Kurs den befohlenen Standort zu erreichen und zwar beim Verbandsfahren, zur Versorgung in See, während des Schießens auf Luft- und Seeziele, bei der U-Jagd und das alles im unmittelbaren Zusammenwirken mit Kampfschiffen unterschiedlicher Größe und mit Seefliegerkräften der befreundeten Flotten.
Wie eng der Erfolg des Kollektivs mit der Bewährung des einzelnen zusammenfällt, zeigt auch das Beispiel des Obersteuermanns Holger Lach, denn er errang den Sieg als „Bester Steuermann des Verbandes“. „Navigation ist, wenn man trotzdem ankommt“. Nun, von der „Erfahrung“ solcher Fahrensleute hält er nichts. Mehr schon von dem ständigen Wettstreit mit den Steuerleuten anderer Schiffe. Doch er hatte auf einem der benachbarten Minensuch- und Räumschiffe einen alten Rivalen, der bisher bislang stets den ersten Platz erreicht hatte. Dessen Stärke war, das theoretische Wissen immer im Kopf abrufbereit zu haben. Holger Lach dagegen war ein guter Praktiker, dem jedoch das „Gewusst warum?“ nicht so recht im Gedächtnis haften bleiben wollte. So grübelte er, wie er seinem Kontrahenten doch beikommen könnte. Zunächst griff der Obersteuermann systematischer nach dem Buche, dann analysierte er seine Fertigkeiten und baute sich mit Hilfe des Navigationsspezialisten aus dem Abteilungsstab eine „logische Linie“ der Handlungen auf bei denen er mit einem Minimum an Theorie die optimale Aussage treffen konnte.
Natürlich gehört zu einem richtigen Leistungsvergleich ein gehöriges Maß an Aufregung. Und schon hatte der 26jährige gemerkt, dass ihm erste kleine Fehler unterlaufen waren. Aber auch sein Widerpart war sichtlich nervös, kannte er doch den festen Vorsatz des Obermeisters Holger Lach, diesmal zu gewinnen. Und der schaffte es dann auch, wenn auch nur mit hauchdünnem Vorsprung. Es war Gesetz, dass jeder Steuermann auch seinen Steuermannsgast mitzubringen hatte, und dieser – Stabsmatrose Gernod Cajkowski – belegte den 3. Platz, so dass beide zusammen auch noch den Pokal für den „Besten Navigationsabschnitt“ erkämpften.

Das KSS „Rostock“ wurde für seine hervorragenden Ergebnisse in der Bestenbewegung mit der NVA- Verdienstmedaille ausgezeichnet – ehrende Anerkennung dafür, dass die Besatzung nach jedem Halbjahr den Titel „Bestes Schiff“ erwarb. Mit zu den Schrittmacher-Kollektiven gehört der Maschinengefechtsabschnitt. Auch er erhielt diese Auszeichnung jedes Mal – doch am Ende dieses Halbjahres nicht. Ein junger Matrose – Turbinengast – glaubte, es sei noch genügend Wasser im Hilfskessel. Vergewisserte sich aber nicht. Verschuldete Störung! Das geschah bereits im Januar und von da an wussten um den Leitenden Ingenieur, Kapitänleutnant Hans-Jürgen Meyer: Diesmal hängen für unseren Abschnitt die Trauben zu hoch. Natürlich sagt sich manch einer an Bord: „Läuft eben doch nicht alles glatt beim Spitzenreiter.“ Selbstverständlich gab es harte Auseinandersetzungen, denn einer hatte die Verpflichtung vieler zum Kampf um den Bestentitel zunichte gemacht. Doch am Ende war die Meinung des Kollektivs einhellig: nun zeigen wir erst recht, was wir können, denn unser Anliegen ist es doch, ständig um hohe Einsatz- und Gefechtsbereitschaft zu kämpfen. Das Ergebnis spricht für sich. Aus dem Maschinenabschnitt kommen die meisten Matrosen und Unteroffiziere des Schiffes, die alle Ausbildungsfächer mit guten und sehr guten Ergebnissen absolvierten und damit als einzelne den Bestentitel erreichten.
Was in ihnen steckt, wollen sie zeigen: Mitten beim Artillerieschießen brach durch Seewasser-Korrosion eine Kühlleitung der Steuerbord-Hauptmaschine direkt an der Bordwand. Normaler Verschleiß, reparaturfähig. Aber nicht in diesem Moment, obwohl durch die Leckstelle kräftig Wasser in den Maschinenraum strömte. Das Leck wurde erst einmal provisorisch abgedichtet und ein Leckwehrposten behielt die Schadstelle im Auge. Ein Risiko durchaus, denn die Leitung konnte weiter reißen. Aber jetzt wurde jeder Mann auf seiner Gefechtsstation benötigt. Die Artilleristen brauchten den ruhigen Lauf von Maschine und Schiff, um ihr Ziel – das „sehr gut“ zu erreichen. Auch danach noch keine Zeit. Immer neue Einlagen hatte das Schiff zu meistern. Endlich Übungspause. Nicht aber für die Maschinisten. Mit Selbstverständlichkeit hängten sie noch weitere vier Stunden ran und setzten bei kabbliger See und Temperaturen um wenige Plusgrade das Leck mit einen Außenbordflansch 20 cm unter der Wasserlinie dicht. Dann hieß es wieder: Gefechtsalarm!
Obermaat Michael Kaiser, Maat Torsten Bretschneider und Stabsmatrose Horst Welk erreichten als Minenklarmachkommando den ersten Platz im Verband. Minen sind schnell im Kampf gegen Überwasserschiffe und U-Boote einzusetzen. Genauigkeit ist nicht nur beim Legen der Sperren nötig, sondern auch beim Klarmachen der Minen auf dem Schiff. Das konnte im Kabinett geübt werden. Für sie war es ohne Diskussion klar, bereits in der Kabinettsausbildung die Norm zu unterbieten. Dazu konnte nur Übung den Meister krönen und zwar beim endgültigen Klarmachen verschiedener Minentypen in der vorgegebenen Zeit und Anzahl ohne Fehler und in der Ersatzrolle in der jeder in den Handlungsablauf eingreifen und nahtlos weitermachen musste. All das war unter normalen Tagesbedingungen aber auch des Nachts und unter dem Schutz vor Massenvernichtungsmittlen zu absolvieren. Wie alle hier erwähnten Besatzungsmitglieder und Kollektive, so hat sich auch das Minenklarmachkommando (MKK) vorgenommen, diese mit Schweiß und Mühen erkämpften Trophäen erfolgreich zu verteidigen. Inzwischen ist einer von ihnen in die Reserve versetzt worden; ein neuer ist dabei, die Tradition bewahren zu helfen.

Vom Kommandanten wird verlangt, in allem stets Vorbild zu sein. Und genau das kann Fregattenkapitän Günter Senf von sich sagen, auch was den Besitz einer persönlichen Trophäe angeht. Er, der für seine Verdienste bei der kurzfristigen Übernahme moderner sowjetischer Kampftechnik durch seine Besatzung mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet wurde, hat 1981 und 1982 den Pokal für den „Besten Kommandanten der Flottille“ errungen. Viele Ursachen gibt es für diesen Erfolg, wie auch für die positive Entwicklung der Besatzung. Übergreifend wirken sicher die menschlichen Eigenschaften und die politische Grundhaltung von Günter Senf, die bestimmend sind für sein Verhalten als Offizier der Volksmarine. Er ist stolz darauf, mit seinen 42 Jahren noch zu den ältesten Kommandanten zu gehören. Er liebt das Meer und die Seefahrt, denen er nun schon seit 20 Jahren die Treue hält. Beide Komponenten fordern den ganzen Menschen. Verantwortung zu haben bereitet ihm höchste Freude. Große Worte? Bei dieser Bilanz der Besatzung, zu der er selbst auch im Detail beiträgt, sicher nicht. Der 18jährige Matrose benötigt für die Note 1 im 3000-m-Lauf 11 Minuten und der Kommandant läuft ihm dann immer noch vornweg.
„Ich habe nie ausschließlich für den Wettstreit, für eine einzelne Aufgabe gelernt. Ich war bemüht, meine Pflichten als Kommandant stets gründlich und umfassend zu erledigen und ein solch bordeigenes Übungssystem zu organisieren, bei dem man sich selbst weiterbildet, aber auch seine Unterstellten ständig fordert. Lernen in der Arbeit – das ist eigentlich mein Erfolgsrezept!“ So sieht es der Mann, der nach dem Besuch der Offiziersschule als Waffenleitoffizier, dann als Kommandeur des Artillerieabschnittes, als 1. Wachoffizier und schließlich seit 1979 als Kommandant der „Rostock“ zur See fährt. Seine eigenen Worte unterstreichen, wie eng seine persönlichen Erfolge mit dem Können seiner Besatzung verknüpft sind. Zu Recht, denn um beispielsweise zum Kommandantenwettstreit zugelassen zu werden, ist Voraussetzung, dass keine Seeunfälle passieren, die disziplinierte Führung des Schiffes gewährleistet ist und die gestellten politischen und militärischen Aufgaben voll erfüllt werden.
Worin sieht der Kommandant die Ursachen des guten Resümees? Zunächst – so bemerkt er – möchte jeder der zur See fährt ein sicheres Schiff haben. Die „Rostock“ ist eine Meisterleistung des sowjetischen Kriegsschiffbaus, auf ihre Technik ist Verlass. An Bord ist jeder Dritte Mitglied der SED und mit einer solchen verschworenen Gemeinschaft kann man viel erreichen. Das Kommandeurs-Kollektiv bewährt sich in der Menschenführung, denn mit der Vorbereitung auf die Übernahme des Schiffes standen auch militärpädagogische und –psychologische Fragen mit zur Diskussion, deren Beantwortung jedem half, als Einzelleiter erfolgreich ein Kollektiv zu führen. An Bord versehen viele junge, gebildete Menschen ihren Dienst, von denen viele das Abitur und Spezialberufe haben. Sie auch in Ton und Takt zu achten, ist die erste Voraussetzung um sie auch zur bewussten, engagierten Mitarbeit zu mobilisieren.
Bei der Indienststellung des KSS „Rostock“ der Volksmarine sagte der Minister für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, an die Besatzung gerichtet: „Dieses heute in Dienst gestellte Kampfschiff ist ein überzeugender Beweis für die außerordentliche Sorge unserer Regierung für die Landesverteidigung der DDR. Auch auf dem modernsten Schiff bleibt die Besatzung, bleibt der bewusste und leistungsbetonte Einsatz jedes einzelnen der entscheidende Faktor der Kampfkraft. Ein solches Schiff zu fahren und alle seine Gefechtsmöglichkeiten auszuschöpfen, erfordert ausgezeichnete Qualifikation und den ganzen Mann. Ich bin überzeugt, dass sich das Kollektiv der „Rostock“ dieser großen Verpflichtung und dem Namen unserer Ostseemetropole würdig erweisen wird. Dem Kommandanten und seiner Besatzung allzeit gute Fahrt.“
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