Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Rees in der O-Messe (2. Fortsetzung)

KSS-Broschüre Teil 5Zeit: 1960er–1980er Jahre

Vier kurze Anekdoten aus den Offiziersmessen: die vergoldete Pistole, die Janos Kadar 1966 Kommandant „Brummi“ Fröhlich schenkte und die in der Waffenkammer des Kommandos verschwand; ein Artillerieschießen mit verlegtem Treffpunkt, bei dem die Salven des Schwesterschiffs zwischen Brücke und Mast hindurchsausten; Fritz Naumanns Schießen auf den Schlepper statt auf die Scheibe; und wie das Vereinte Geschwader dank polnischer Aufklärung die Raketenschnellboote der Volksmarine „erledigte“.

Im Teil 3 unserer KSS-Reihe hatten wir unter der Überschrift „Rees in der O-Messe“ begonnen, kleinere Episoden niederzuschreiben, die keine ganze Geschichte hergeben aber beim Plausch in den O-Messen von Generation zu Generation weiter ausgeschmückt, immer wieder auftauchten. So erhielten wir für das jetzige Heft die folgenden kurzen Zuschriften bzw. Hinweise.

Im Juni 1966 weilte eine ungarische Partei- und Regierungsdelegation unter Leitung von Janos Kadar auf dem Schiff „Karl Marx“. Kommandant war Kapitänleutnant Fröhlich, Spitzname „Brummi“, der zuerst einmal Bärenführer-Pflichten zu erfüllen hatte. KSS hatte ja öfter Besuch und für denjenigen, der eine solche Delegation über das Schiff führen musste, war im Bordjargon der Begriff „Bärenführer“ kreiert worden. Dann legte das Schiff ab und war in See Tribüne für verschiedene Vorführungen der Volksmarine. Zum Abschied schenkte der hohe Gast dem Kommandanten eine vergoldete Pistole mit persönlicher Widmung. Das sprach sich herum, und ehrfurchtsvoll bewunderten die Bordoffiziere und die herbei geeilten anderen Kommandanten das nicht alltägliche Geschenk. Aber, wat nu? Weder die gesetzlichen noch die militärischen Bestimmungen hatten so einen Fall berücksichtigt. Vorgesetzte und Militärabwehr zerbrachen sich den Kopf. Der Mann kann das Schießeisen doch nicht einfach mit nach Hause nehmen oder gar damit herumrennen, wenn es ihm gerade passt. Die Waffenkammer an Bord schien zu unsicher, schließlich hatte Brummi als Kommandant die volle Befehlsgewalt über das ganze Schiff. Ein ganz heller Kopf fand schließlich die Lösung: Die Pistole ist weit, weit weg vom Schiff in der Waffenkammer des Kommandos der Volksmarine einzulagern. Da lag sie nun und lag und lag. Brummi hat sie jedenfalls nie wieder gesehen. Nicht einmal, als die Volksmarine abgewickelt und somit auch die Waffenkammer im Kommando aufgelöst wurde. Und damit war die Lösung richtig, denn nachweisbar hat Brummi mit dieser Pistole keinerlei Unsinn anstellen können.

Wilde Geschichten mit vielen Übertreibungen wurden auch über frühere Artillerieschießen mit den 100mm-Geschützen der Projekte 50 erzählt. Eine davon stellte Manfred Kretzschmar richtig. Es war irgendwann nach Indienststellung des 3. und 4. Schiffes. Um Aufwand (Schlepper mit Scheibe) zu sparen, war damals noch das Schießen mit verlegtem Treffpunkt erlaubt. Dabei fasste das schießende Schiff ein anderes KSS auf, der volle horizontale Richtwinkel wurde aber im Rechengerät mit einer Verbesserung versehen, so dass die Salven in sicherer Entfernung genau im Kielwasser des anderen Schiffes einschlugen. Zumindest sollten sie es. Auf dem „beschossenen“ Schiff kontrollierten Beobachtungsgruppen die Ablagen nach Seite und Entfernung. Damit war dann auch eine Auswertung der Genauigkeit des Schießens möglich. Manfreds Schiff lief also mit Westkurs und südlich davon lief Schiff 4 auf Parallelkurs und bereitete sich auf das Schießen vor. Bereitschaftsstufe 1 auf beiden Schiffen, Besatzung an Oberdeck unter Stahlhelm, Seegebiet frei, Nordpol vor, Feuererlaubnis. Eine Orientierungssalve schlägt irgendwo im „Gelände“ ein. Es folgen zwei Einschießsalven mit Tempo 10. Plötzlich ein Jaulen über dem HBS. Die Salve saust zwischen Brücke und Mast hindurch und schlägt an Backbordseite ein. Die Salve liegt deckend aber leider nicht da, wo sie eigentlich soll. Nach dem ersten Schreck springt Manfred zum UKW-Gerät. „Halt!“ – das Signal zur Unterbrechung des Schießens. Das nutzt aber wenig, da die zweite Salve sich bereits in der Luft befindet. Das grässliche Jaulen wiederholt sich und jetzt liegen die Einschläge dicht hinter dem Schiff. Zu dicht! Jetzt erst kann das „Halt!“ zur Wirkung kommen. Die Vier bricht das Schießen ab. Dass die Brückenbesatzung während des Beschusses hinter der dünnen Blechverkleidung in Deckung gelegen haben soll, weist Manfred als Übertreibung zurück.

Aus Fritz Naumanns Zeit als GA-II-Kommandeur kursierte eine andere Geschichte. Bei einer Artillerieaufgabe war im Verlauf des Schießens der Übergang auf Reserveschema 1-NM vorgesehen. Das Gerät 1-NM auf der Brücke war eigentlich das Hauptgerät für den Torpedoeinsatz, gestattete mit Einschränkungen aber auch die Feuerleitung der 100mm. Während einer kurzen Unterbrechung des Schießens springt Fritz also zusammen mit einem Richtgasten aus dem Wackeltopp und beide besetzen das 1-NM. Aufgabe des Richtgasten: Mit dem justierten Fernglas des 1-NM die Scheibe auffassen und im Visier halten. „Ziel aufgefasst!“ In der Eile vergisst Fritz wohl einiges. Erst einmal die Prüfung der alten artilleristischen Weisheit „Schlepper links, Scheibe rechts“ und statt einer erneuten Einschießsalve werden die letzten vier Salven gleich als Wirkungsfeuer Tempo 6 herausgejagt. Schon die erste Salve liegt deckend. Aber nicht an der Scheibe sondern am Schlepper. Und auf 50 – 60 Kabel Entfernung und bei Tempo sechs Sekunden liegen die restliche drei Salven auch schon in der Luft. Entsetzter Aufschrei bei Fritz, als auch die zweite Salve um den Schlepper herum einschlägt. „Halt! Halt! Halt!“ kreischt es aufgeregt über UKW. Es nutzt nichts! Noch zweimal muss sich Fritz, das 1-NM fast abreißend, hin- und her biegen und bei jedem Einschlag laut aufstöhnen, ehe endlich Ruhe ist. Was eigentlich los war, ob der Richtschütze bei schlechter Sicht statt der Scheibe den Schlepper aufgefasst hatte oder ob das Fernglas des 1-NM gar nicht oder falsch justiert war – darüber wird nichts berichtet.

Eine andere Geschichte hat ihren Ursprung im Vereinten Geschwader. Die Volksmarine führte und das KVM hatte unter Federführung des Chefs des Stabes, Konteradmiral Rödel, die Abschlussübung in der Ostsee organisiert. Das Geschwader stellte einen in die mittlere Ostsee durchbrechenden Verband dar und die Stoßkräfte der Volksmarine hatten das zu verhindern. Das Geschwader klärte in Richtung Küste auf, aber keine Raketenschnellboote auszumachen. Sollten die Stoßkräfte entgegen aller Regel seewärts entfaltet sein? Da hat Jurek, wie der Kommandant der „Warszawa“ kurz genannt wird, eine Idee. Der Vorposten vor dem Sund ist gerade durch die Polnische Seekriegsflotte besetzt. Über Funk nimmt Jurek Verbindung auf. Tatsächlich! In Sicht des Vorpostens dümpeln einige RS-Boote dahin und warten auf den Einsatzbefehl. Die Koordinaten des „Gegners“ gelangen zum Geschwaderstab und sofort kommen auf dem Papier die P-20 des „Warszawa“ und der sowjetischen Einheiten gegen diese Gruppierung zum Einsatz. Nach dem Festmachen steigt der Chef des Stabes mit einer zusammengerollten Karte an Bord ein. „Ihr seid erledigt!“ Siegessicher und mit breitem Grinsen rollt er die Auswertekarte aus. Das Grinsen verfliegt und macht einem etwas verkniffenen Gesichtsausdruck Platz, als der Geschwaderchef jetzt seine Karte ausrollt und nachweist, dass die RS-Boote längst erledigt waren, als sie den Schlag gegen das Geschwader führten. Eine gute Aufklärung ist eben alles.

Verwandte Beiträge

Nach oben