Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Rees in der O-Messe (1. Fortsetzung)

KSS-Broschüre Teil 4Zeit: 1960er Jahre

Fortsetzung der kurzen Messe-Anekdoten aus Teil 3: Ausrutscher des PV Karl Bibow auf der „Karl Marx“, der beleibte Abteilungsingenieur „Papa“ Gerhard Wehrend bei der Kesselinspektion, als Neuerer-Verantwortlicher und bei Störungen in der Antriebsanlage, das mit Unterwasseranstrich versehene Auto des Oberbootsmanns Kupfer sowie E-Meister Udo Hoppes Katzenbraten.

Im Teil 3 unserer KSS-Reihe hatten wir unter der Überschrift „Rees in der O-Messe“ begonnen, kleinere Episoden niederzuschreiben, die keine ganze Geschichte hergeben aber beim Plausch in den O-Messen von Generation zu Generation weiter ausgeschmückt, immer wieder auftauchten. So erhielten wir für das jetzige Heft die folgenden kurzen Zuschriften bzw. Hinweise.

Auf dem Schiff „Karl Marx“ gab es folgenden Slogan: „Wer sind die drei größten Deutschen aller Zeiten? Da weißt Du nicht? Ganz klar, das sind Karl Marx, Karl May und Karl Bibow.“ Während die beiden ersteren zu Genüge bekannt sein dürften, muß man zu Karl Bibow bemerken, daß er in den 60iger Jahren als PV auf diesem Schiff eingesetzt war. Er war ein grundehrlicher Typ, mit einer gehörigen Portion Bauernschläue ausgerüstet aber etwas langsam im Denken. Und so passierte ihm die unmöglichsten Ausrutscher.

Bei einer größeren Flotten-Übung, in der auch der Einsatz von „Diversanten“ angekündigt war, lag das Schiff noch in Erhöhter Gefechtsbereitschaft im Hafen. Karl wollte nun eine Musterung dazu nutzen, die Schiffswache zu besonderer Wachsamkeit zu motivieren. Er stellte sich also vor die Besatzung und – nachdem er allgemein etwas zu den gefährlichen Diversanten gesagt hatte – endete er: „Also, wenn der Stellingsposten zum Beispiel während seiner Wache trieft, dann schleicht sich so ein Mann unbemerkt an Bord und legt eine Bombe mit Zeitzünder in den Maschinenraum. Dann dringt er in das Offiziersdeck ein, schneidet dort allen die Kehle durch und geht dann unverrichteter Dinge wieder von Bord.“ Die Reaktionen der Besatzung auf das unpassende Adjektiv reichten vom Grinsen bis zum lauten Lachen. Motivation im Eimer!

Ein andermal inspizierte Karl die Kombüse. Es hatte irgendeine Suppe gegeben und die Smutjes hatten die benutzten Töpfe mit Wasser gefüllt um die Reste vor dem Abwaschen weichen zu lassen. Karl griff sich eine Kelle, rührte damit in den Töpfen herum und wandte sich dann vorwurfsvoll an das Kombüsenpersonal: „Na, Genossen, die Suppe ist heute mal wieder reichlich dünn. Da müßt ihr wohl noch was reintun.“ Klar, daß die Smutjes dafür sorgten, das Karls Küchenkontrolle sofort die Runde durch die Decks machten.

Aber seefest war Karl. Das muß man ihm lassen. Während der Orkanfahrt im Oktober 1967 war er unermüdlich unterwegs, kämpfte sich über das gefährliche Oberdeck, kroch zu den entlegensten Gefechtsstationen und munterte das Personal auf. Die am Schlimmsten unter der Seekrankheit leidenden wurden auf Befehl des Kommandanten in der O-Messe mit Beruhigungsmittel behandelt. Es waren auch ein paar bordbekannte Rabauken darunter. Also immer große Fresse, aber nichts dahinter. Bevor der Feldscher jedoch an die ran durfte, nahm sie sich Karl zur Brust. Er nahm ihnen quasi die Lebensbeichte ab. Zuletzt mussten sie versprechen, nie, nie mehr ihren Vorgesetzten Ärger zu bereiten. In ihrem jämmerlichen Zustand und die beruhigenden Tabletten vor Augen, waren die Betroffenen zu jedem Zugeständnis bereit. Jetzt erst durfte der Feldscher in Aktion treten. Wie man sagt, soll Karls Erziehungsmaßnahme bei einigen der Deliquenten sogar dauerhaften Erfolg erzielt haben.

Tolle Geschichten erzählte man sich auch über andere legendäre Person: Gerhard Wehrend, in seiner letzten Dienststellung AI (Abteilungsingenieur) und fachlich ein absolutes As. Er war – ganz vorsichtig ausgedrückt – etwas überdurchschnittlich beleibt. Nun gehörte zu seinen AI-Pflichten auch die Inspektion der Kessel. Dazu musste man sich durch ein enges Mannloch in den Kessel hineinzwängen und mit Kabel- und Handlampen den Zustand der Rohrleitungen und Kesselwände kontrollieren. Gerhards Leibesumfang ließ eigentlich diese Tätigkeit gar nicht zu. Aber man fand Abhilfe. Siggi Prinz hat das Verfahren im Teil 2 unserer KSS-Reihe bei seiner Beschreibung der Antriebsanlage zwar schon erwähnt, aber es soll hier nochmals beschrieben werden. Der AI entledigte sich zuerst aller überflüssiger Oberbekleidung. Unter Mithilfe von zwei Kesselgasten (nicht gerade die Schwächsten) stemmte er sich bis zur Höhe des Mannloches, steckte die Beine durch und drehte sich so, daß Beine und Achtersteven in den Kessel hineinhingen. Jetzt begann das Schwierigste. Unter ständigem Kneten, Falten und Drücken wurde der umfangreiche Bauch zentimeterweise durch das Mannloch gezwängt, bis die Beine unseres AI fest auf dem Kesselboden standen. Aufatmend und zufrieden zog er dann seinen Kopf ohne fremde Hilfe in das Kesselinnere. Zum Aussteigen aus dem Kessel mußte unser „Dicker” dann nur kräftig geschoben und der Bauch dabei weggedrückt werden. Für wen die Tortur anstrengender war, AI oder Masseure, war schwer zu sagen.

Als AI war er auch der Neuerer-Verantwortliche der Abteilung. Das war gar nicht so einfach. Alleine die Beschickung der jährlichen Flottillen-MMM (Messe der Meister von morgen) mit der geforderten Anzahl von Exponaten bereitete genügend Sorgen. Da wurde auf den Schiffen und im Stab getüftelt, um Normen zu senken, Aufwand zu sparen, Sicherheit zu erhöhen oder Lebensbedingungen zu verbessern. Es gab aber auch Flops. So hatte Papa Wehrend einmal einen Vorschlag wohlwollend begutachtet und der MMM zugeführt, der eine Normzeit im Maschinenabschnitt senken sollte. Das tat er dann auch. Leider war aber nicht alles bedacht worden, denn es stellte sich bald heraus, daß die technische Veränderung zu höherer Störanfälligkeit des betreffenden Aggregates führte. Nun hatte der AI ein schlechtes Gewissen. Im eingeweihten Kreis regte er deshalb einen neuen Vorschlag an, der aber nichts anderes tat, als den alten Zustand wieder herzustellen. Schlitzohrig wie er war, gelang es ihm, das Ergebnis so raffiniert zu verpacken, daß er es bei der nächsten MMM wieder der Flottille als Neuerervorschlag unterwuchten konnte. Situation gerettet und dazu noch Pluspunkte im Wettbewerb gesammelt!

Papa Wehrends Phlegma stand im proportionalen Verhältnis zu seinem Leibesumfang. Bequemlichkeit ging ihm über alles. So soll er als LI bei Störungen in seinem Abschnitt oft auf folgende Art und Weise reagiert haben: Papa Wehrend hielt also auf seiner Koje in Kammer 1 ausgiebige Siesta. Aufgeregt stürzt ein Wachingenieur herein und meldet Unregelmäßigkeiten in der Antriebsanlage, deren Ursache nicht gefunden werden kann. Ohne die Augen dabei zu öffnen, lässt sich der LI kurz berichten, was bisher alles unternommen wurde. Stille, denn Papa Wehrend denkt nach. Dann weist er nuschelnd den WI an, irgendein Ventil an irgendeinem Aggregat im Kesselraum zu betätigen und drehte sich schnaufend wieder auf die Seite. In der Regel waren seine Hinweise Treffer. Wie anfangs schon bemerkt, fachlich war er eben ein absolutes As. Schon fast unwillig über die erneute Störung seiner heiligen Mittagsruhe nahm er dann brummend die Klarmeldung seines WI entgegen.

Aber nicht nur über Offiziere gab es Gesprächsstoff in den Messen. Stabsobermeister Kupfer, Oberbootsmann auf der „Ernst Thälmann“ fuhr einen alten IFA F 8. Besonderheit dieses Nachkriegs-Modells war, daß es teilweise eine Holzverkleidung hatte. Das Auto war meist in der Nähe der Pier geparkt. Spaßvögel unter der Besatzung hatten einen Einfall. Als der Bootsmann eines Morgens sein Auto nutzen wollte, fiel er aus allen Wolken. Eine sauber gezogene, weiße Wasserlinie lief rund um die dunkelbraune Karosserie und der darunter liegende Teil hatte den grünen Unterwasser-Anstrich des KSS erhalten. Die Täter wurden nie ermittelt.

Oder Meister Udo Hoppe ein E-Meister, fachlich gut, kantig, geradlinig und etwas extravagant. An Land ging er immer mit einem langen schwarzen Mantel und einem schwarzen Schlapphut mit sehr, sehr breiter Krempe. Jeder Fremde musste ihn für einen Künstler halten. Eines Tages hatte er von Land ein schon bratfertig ausgenommenes – dem Aussehen nach - Kaninchen mitgebracht. Den Bewohnern des Meisterdecks lief schon das Wasser im Mund zusammen. „Ich laß mir in der Kombüse jetzt diese Katze hier braten.“ erklärte Hoppe. „So, so, Katze! Du denkst wohl, du kannst uns für dumm verkaufen, damit du das Karnickel alleine essen kannst. Da hast du dich aber geschnitten. Hier wird ehrlich geteilt!“ Die Smutjes gaben sich alle Mühe und der gelungene Braten wurde in der kleinen Meistermesse serviert. Als alle fertig waren, griff Hoppe in seine Aktentasche und holte einen abgeschnittenen Katzenschwanz heraus. Einige der Schlemmer wurden blaß und stürzten zur Toilette. Seit dem konnte Hoppe immer alleine aufessen, was er von Land so mitbrachte.

Soweit also die erste Fortsetzung von „Rees in der O-Messe“. Wir hoffen auf viele Hinweise von unserer Leserschaft, damit auch in der nächsten KSS-Broschüre weiter gereest werden kann.

Verwandte Beiträge

Nach oben