Ein fast historisches Dokument
Dieter Liebenau erzählt die Geschichte eines Stücks Pappe aus dem Funkraum der „Friedrich Engels“: Am 7. Oktober 1959, dem Tag der Übernahme des Schiffes, trugen sich die ersten Funker der Seestreitkräfte darauf ein; alle nachfolgenden Funkergenerationen bis zur Außerdienststellung 1969 setzten die Tradition fort. Die beim Abwracken gerettete Pappe gelangte zurück an den ersten Funkmeister Heinz Koch und soll dem Marinemuseum Dänholm übergeben werden.
Im Herbst 1959 bemühten sich mein Funkmeister, der Funkmaat, vier Funker und ich als Kommandeur des GA-IV mit unseren rudimentären Kenntnisse der russischen Sprache in die Geheimnisse der Funktechnik an Bord der späteren „Friedrich Engels“ einzudringen.
Die Übergabe des Schiffes an die Seestreitkräfte der DDR war weit fortgeschritten. Mein Partner, der sowjetische GA-Kommandeur, war immer noch etwas widerspenstig zurückhaltend. Ich sollte für ihn irgendein Wundermittel zur Schwangerschaftsverhütung aus der Apotheke besorgen, worauf ich keinerlei Bock hatte. Vor reichlich 50 Jahren waren die Zeiten, nicht nur in dieser Hinsicht, etwas anders, als heute. Umso aufgeschlossener waren die sowjetischen Unteroffiziere und Matrosen. Bis ins Detail erklärten sie uns, oft mit Händen und Füßen, die Technik, und am Tage der Übergabe des Schiffes waren die Genossen des GA-IV in der Lage, die an sie gestellten Aufgaben befriedigend zu erfüllen. Der Funkmeister, Ob. Meister Heinz Koch, war nicht nur ein ausgezeichneter Funker, sondern auch ein einfühlsamer Vorgesetzter. Es war insbesondere sein Verdienst, dass sich bereits nach wenigen Wochen gemeinsamer Arbeit kollektive Strukturen bei den Funkern abzeichneten. Die Genossen waren stolz als erste auf diesem modernen, kampfstarken Schiff zu dienen.
Am Tag der Republik, dem 7. Oktober 1959, wurde auf dem Schiff die sowjetische Seekriegsflagge niedergeholt, und Kalle Hahn und ich hatten die Ehre, unter den Klängen unsere Hymne die Dienstflagge der Seestreitkräfte der DDR zu hissen. Sicher unter dem Einfluss der Feierlichkeiten anlässlich der Übernahme kam jemand von den Funkern auf die Idee, die Namen der ersten Funker der Seestreitkräfte auf diesem Schiff festzuhalten.
![[ohne Bildunterschrift – Foto der beschriebenen Pappe mit den Unterschriften der Funker]](/broschueren/fotos/teil-11a/p32-1.jpg)
Auf obigem Stück dünner Pappe schrieb derjenige:
Für unsere Gäste und Nachfolger. Am 07. Okt. 1959 übernahmen folgende Genossen als erste diesen Funkraum:
| Leutnant Liebenau | Ob. Meister Koch |
| Maat Jentsch | Ob. Matr. Kirchner |
| Ob. Matr. Matthes | Ob. Matr. Utesch |
| Ob. Matr. Winter |
Als auf der ersten Seite kein Platz mehr für weitere Namen war, schrieb ein unbekannter Funker auf der Rückseite: „Auf dieser Seite wird die Tradition weitergeschrieben von allen, die sich in diesem Funkraum aufschießen.“
„Künstlerisch“ wurde diese Auflistung umrahmt. Jeder Genosse signierte seinen Eintrag. Später wurde der Tag der Entlassung oder Versetzung hinzugefügt.
Damit diese Pappe nicht verloren ging, fand sie ihren Platz hinter der Uhr im Funkraum. Um zu verhindern, dass die Ecken hinter der runden Uhr vorschauten, wurden sie abgeschnitten. Unbewusst hatte die erste Funkergeneration mit ihrer Unterschrift eine Tradition begründet. Alle (?) Funker, die später auf der „Friedrich Engels“ dienten, verewigten sich ebenfalls auf dieser Pappe mit Dienstgrad, Name und Datum.
So lesen wir z. B. die Namen des Ob. Meister Uli Wogenstein. Er löste Genossen Koch Ende 1960 ab. Weiter sind aufgeführt die Maaten Weber und Walter und die Funker Karl Kuba, Krause, Polster, Pollok und andere. Es folgen die Unterschriften von Leutnant (N) Peter Müller (03.11.64 – 15.11.69), Obermaat Maskow, Obermatrose d. Reserve H. Zabel (22.04.66) und die der Stabsmatrosen Rohweder, Seifert, Onynsko, Schockel, Fritz und andere. Die letzten lesbaren Unterschriften stammen von den Stabsmatrosen Jine und Endowitz. Beide gingen am 28. Juni 1969 von Bord. Als letzter Funker ging Maat Rohligau (?) am 15.12.1969, zwei Monate nach der Außerdienststellung des Schiffes, von Bord. Mit sauberer Schrift vermerkte jemand unter diesen Unterschriften:
„Am 10.10. 1969 Außerdienststellung KSS „Friedrich Engels“.
Danach folgt noch ein unverständlicher Eintrag:
„SOM Fennig, Frank 4.11.81 – 11.91“
Zu dieser Zeit lag die „Friedrich Engels“ bereits schon lange als Zielschiff nördlich des Peenemünder Hakens auf Grund. Unbekannte mussten diese Pappe beim Abwracken des Schiffes „gerettet“ haben. Auf nicht mehr nachvollziehbarem Weg gelangte sie - inzwischen zu einem historischen Dokument mutiert – zurück zum ersten Funkmeister der „Friedrich Engels“, zu Heinz Koch..
Anlässlich eines Treffens von Crewmitgliedern unseres Schiffes im April 2011 in Saßnitz übergab mir Heinz Koch, inzwischen Dipl.-Ing. und Fregattenkapitän a. D., diese Pappe, die 10 Jahre mit dem Schiff tausende Seemeilen bei Sturm und Sonnenschein zurücklegte, zehntausende Morsezeichen hörte, 1962/63 in Kronstadt überwinterte und Generationen von Funkern kommen und gehen sah. Gemeinsam beschlossen wir, dieses fast historische Dokument dem Marinemuseum auf dem Dänholm zur weiteren Aufbewahrung anzubieten.
— Dieter Liebenau
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