Mein sozialer Aufstieg
Wolfgang Fiß, 1956 als 18-jähriger Pumpengast im GA-V des KSS 1-61 eingesetzt, beschreibt seinen „sozialen Aufstieg“ anhand der Schlafplätze in Deck 6: vom Hängemattenplatz im Mittelgang über die Backskiste mit Korkmatratze bis zur festen Koje mit Seegrasmatratze als Turbinengast.
Nach Abschluss der Baubelehrung im Dezember 1956 waren wir als Besatzung von KSS 1-61 komplett und übernahmen das Schiff mit all seinen technischen, militärischen und sonstigen Einrichtungen. Aus dem für das Zusammenleben der Besatzung bestimmenden sozialen Umfeld möchte ich eine wesentliche Komponente herausgreifen: die Schlafplätze.
Mit meinen 18 Jahren war ich einer der jüngsten Angehörigen im GA-V. Hinzu kam, dass ich auch ohne Wachkompanie und Flottenschule direkt nach der Grundausbildung an Bord delegiert und als Pumpengast eingesetzt wurde. Im wahrsten Sinne des Wortes: ein „Junger Dachs“ in der Marine. In Deck 6 musste das Maschinenpersonal mit ca. 50 Stokern in einer Zusammensetzung von Altgedienten und Neulingen Aufnahme finden. Die Anzahl der Schlafplätze, Kojen und Backskisten war schnell entsprechend Rangordnung vergeben. Für mich blieb nur im Mittelgang der Backbordseite ein Hängemattenplatz übrig. Ich lernte schnell, die Hängematte vor „Ruhe im Schiff“ ordentlich zu spannen, sie nach dem morgendlichen „Reise-Reise“ wieder zu zurren und auf die Koje meines rechten Nachbarn zu verstauen. Aber wie ich mich auch bemühte, irgendwie war ich mit meiner „Schaukel“ allen als Hindernis im Wege. Besonders die Landgänger hatten es auf mich abgesehen und machten sich bei Rückkehr zu nachtschlafener Zeit einen Spaß daraus, meine Schaukel in Bewegung zu setzen. Doch allzu lange dauerte dieser Zustand nicht und mein sogenannter sozialer Aufstieg begann.
Auf Initiative der Hilfsmaschinenmaate Deckert und Mixer – diese wohnten damals noch mit den Matrosen zusammen – wurden an geeigneten Plätzen Zwischenkojen eingezogen. Natürlich reservierten sich diese Kojen zuerst wieder ältere Jahrgänge. Immerhin wurde dadurch für mich ein Backskisten-Schlafplatz mit Korkmatratze im hinteren Mittelgang frei. Die nächtlichen Ruhestörungen beschränkten sich jetzt nur noch auf wenige Landgänger, die - aus welchem Grund auch immer – zu unterschiedlichsten Nachtzeiten unbedingt an ihre Backskisten mussten. Das war zwangsläufig mit Aufstehen meinerseits verbunden, aber kein Vergleich mehr mit dem Hängematten-Milieu. Allerdings gab es eine andere Gefahr. Als „Untermieter“ war man vor überraschenden Auswirkungen von übermäßigen Landgangsgenüssen oder auch infolge von Seekrankheits-Anfällen der „Obermieter“ nie ganz sicher. Es konnte durchaus vorkommen, dass etwas davon auch in meinem damals noch lockigem Haarschopf landete.
Die Fahrenszeit nahm ihren Lauf. Das Dachszeitalter war längst überstanden und auf verschiedensten Stationen konnte ich mein Können beweisen. Mit Delegierung in den Hauptmaschinenraum als Turbinengast der Steuerbordmaschine erreichte auch mein sozialer Aufstieg seinen Höhepunkt. Ich bekam nun einen festen Kojenplatz hinter dem Backsspind , vom Niedergang aus schwer einsehbar. Meine Korkmatratze durfte ich gegen eine weiche Seegrasmatratze eintauschen. Diese Vorzüge konnte ich dann als Stabsmatrose und Längerdienender bis zum Ende meiner Dienstzeit genießen. Als Turbinenfahrmaat der Reserve ging es dann, jung verheiratet, in das zivile Leben zurück.
Meine vorzugsweise auf Schlafplätze beschränkte Betrachtung sollte zeigen, dass wir es verstanden, uns gemeinsam auf engstem Raum für längere Zeit einzurichten und trotz mancher Widrigkeiten kameradschaftlich miteinander umzugehen. Viele der damaligen Verbindungen und Freundschaften haben selbst nach 50 Jahren noch ihren festen Bestand behalten.
— Wolfgang Fiß
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