Auf Deck
Reportage aus „Sport und Technik“ 12/1986 über Kapitänleutnant Uwe Dotzlaff, ehemaliger DDR-Flossenschwimmer und seit 1984 Kommandant des KSS „Lübz“. Der Autor, ein früherer Tauchsportkamerad, begleitet ihn an Bord und lässt ihn über die Anforderungen an einen Kommandanten sprechen. Zugesandt von Wolfgang Peschenz.
Anmerkung der Redaktion: Zugesandt hat uns die beiden folgenden Artikel Wolfgang Peschenz, der früher als Turbinenmeister auf der „Friedrich Engels“ gefahren ist. „Bootsmannsrevier“ – ein Artikel über den Oberbootsmann der „Berlin“ - erschien in der „Armeerundschau“ 4/89, Reporter waren Bernd Meyer und Manfred Uhlenhut. Der Beitrag „Auf Deck“ stand in der Zeitschrift „Sport und Technik“ Ausgabe 12/1986 und wurde von einem Siegfried Wagner verfasst. Im Mittelpunkt steht hier Uwe Dotzlaff, von 1984 bis 1991 Kommandant des KSS Pr. 133 „Lübz“.
Abbildung (Teil 9, S. 38): Faksimile der Titelgrafik „AUF DECK“ mit Offizieren auf der Brücke und Foto eines KSS Projekt 133.1 in See
„Dotze“ mit Flossen
Europameisterschaften im Flossenschwimmen. An jenem Kapitel der DDR-Tauchsportgeschichte hat er mitgeschrieben: Uwe Dotzlaff. Im Winter 1974 vor den Europameisterschaften lernte ich ihn während eines gemeinsamen Trainingslagers kennen. Er, der Abiturient, damals schon lang aufgeschossen, kam aus Rostock – der Hochburg unseres Tauchsports. Ich blickte zu ihm auf, war er doch nicht nur größer, sondern eine ganze Klasse – die Entscheidende! – schneller als ich. Beide erlebten wir dann diese ersten bei uns ausgetragenen europäischen Titelkämpfe. Ich als Helfer, er als einer der fünf Männer unserer glänzend abschneidenden DDR-Mannschaft. Bis zu den DDR-Meisterschaften 1975 trafen wir uns dann bei Wettkämpfen des Öfteren. Danach hieß es: „Dotze“ ist zur Offiziersschule der Volksmarine.
„Dotze“ in Zivil
Tauchsportler aus 15 Ländern trafen sich 1985 am Stechlinsee zu ihrer 2. Weltmeisterschaft im Orientierungstauchen. Ungezählt waren die vielen DDR-Tauchsportasse vergangener Jahre, die es ebenfalls an den Stechlin zog. Ich hätte den sportlich gekleideten Mann wahrscheinlich nicht erkannt ohne sein breites, gutmütiges Lächeln – doch dann fiel bei mir der Groschen: „Dotze!“ Was aber kann man schon in wenigen Minuten erfahren: Dass er Vater von zwei Töchtern ist, eine Neubauwohnung in Markgrafenheide bezog, für den Sport kaum Zeit hat, als Kommandant auf einem Küstenschutzschiff fährt. Aber gerade diese fast beiläufige Bemerkung lässt mich aufhorchen, weiß ich doch aus vier Jahren Dienst bei der Volksmarine, was es heißt, Kommandant zu sein. Uns blieb keine Zeit für ein langes Gespräch. Er hatte nur diesen einen freien Tag und wollte wenigstens einen Teil der WM miterleben.
„Dotze“ in Uniform
Im Auftrag von „Sport und Technik“ war ich einige Monate später unterwegs nach Norden, auf dem Weg zu „Dotze“. Schon aus den morgendlichen Nachrichten hatte ich an diesem trüben Tag erfahren, dass für die Küste Sturmwarnung gegeben sei. Wenig später in der Hafenstadt angekommen, muss ich meine geheimen Hoffnungen begraben – bis zum Horizont schwarze Wolken und kalter, ins Gesicht peitschender Regen. Ich bin enttäuscht: Auslaufen mit „Dotze“ ist nicht. Ich stehe schon einige Minuten am Tor. Als ich plötzlich laut und vernehmlich höre: „Genosse Obermatrose, stellen Sie dem jungen Mann einen Passierschein aus. Er kommt mit zu mir an Bord!“. Auf die Sekunde pünktlich steht Kapitänleutnant Dotzlaff mit vom Wind aufgeblähten Regenmantel, die Schirmmütze festhaltend, vor mir und kann sich ob meines verdutzten Gesichts ein Lächeln nicht verkneifen: „Na, dann komm mal. Ich habe mich extra für die Presse freigemacht.“
„Dotze“ an Bord
Auf unserem Rundgang – vom Maschinenraum bis zum Hauptbefehlsstand – bleibt Uwe mir keine Antwort schuldig. Natürlich kann ein Kommandant nicht für alle Anlagen und Geräte an Bord die erforderlichen Bedienerlaubnis haben. Dafür hat er seine Spezialisten. „Aber ich muss von allen Anlagen Wirkungs- und Einsatzprinzipien sowie ihre Leistungsfähigkeit kennen. Das ist wichtig. Denn, wenn etwas ausfällt, muss ich sofort entscheiden, was ich jetzt wie womit mache“; erklärt Kapitänleutnant Dotzlaff, als wir uns über die hydroakustische Ausrüstung seines Schiffes unterhalten. Seit mehr als einem Jahr ist er Kommandant. Begonnen hatte sein Weg zu diesem Beruf schon viel, viel früher! Bereits als Schüler entstand sein Wunsch, Offizier zu werden – bei der Volksmarine. Die Erzählungen seines Vaters, selbst Offizier unserer Seestreitkräfte – bestärkten ihn in seinem Wunsch. Handfeste Seefahrt erlebte er dann erstmals im Jahr vor dem Abitur auf dem GST-Segelschulschiff „Wilhelm Pieck“. „Eine tolle Sache, an die man sich gern erinnert.“ Nach dem Studium dann Abschluss der Offiziershochschule 1979. Leutnant Dotzlaff wird zum Flottendienst versetzt. Fünf Jahre fährt er in verschiedenen Funktionen auf verschiedenen Schiffen, bevor er 1984 das Kommando auf der „Lübz“ übernimmt. Seit zweieinhalb Jahren darf er diesen Schiffstyp fahren. Und er sagt von sich, nicht ohne Selbstbewusstsein, noch nie das Gefühl gehabt zu haben, dass ihm sein Schiff auch nur einen Augenblick außer Kontrolle geraten wäre! „Ein Schiff zu fahren, ist viel schwieriger, als man beim Zusehen annehmen möchte. Wenn ich beispielsweise meinen Liegeplatz nur von einer Pier an eine andere verlegen will, muss ich genau wissen: Wann nehme ich die zweite Maschine herein, brauche ich sie überhaupt, wie kommt der Wind, wie viel Fahrt ist noch im Schiff? Das und vieles mehr muss ständig bedacht werden; man kann ja nicht wie im Auto im letzten Augenblick auf die Bremse treten. Ein Schiff schiebt’s dann eben auf den Liegeplatz.“
„Dotze“ als Kapitän
Die Technik zu beherrschen, lernt man sehr schnell. Länger dagegen dauert es zu lernen, mit Menschen umzugehen: „Jeder hat seinen eigenen Kopf und alle musst du unter einen Hut bekommen. Und als Vorgesetzter hast du wie ein guter Schiedsrichter zu sein: Du musst das Spiel ständig unter Kontrolle haben und darfst nichts zulassen, was gegen die Regeln verstößt. Allerdings, und das ist der springende Punkt, wenn du das Spiel so laufen lässt, dann musst du dir sicher sein, das kein Foul passiert, dass du dich auf jeden verlassen kannst. - Es ist eben gar nicht so einfach!“ Ralf Weigel, Oberleutnant und 1. Wachoffizier auf der „Lübz“ über seinen Kommandanten: Er ist ein Durchreißer. Er verlangt sich und der Besatzung viel ab. Ich habe bei ihm schon eine Menge gelernt. Vor allem hat er eine gute Art der Zusammenarbeit. Im Auftreten ist er sehr korrekt, manchmal auch überkorrekt.“ An diesem Tag hat sich Kapitänleutnant Dotzlaff freigemacht. Die Unterbrechungen wegen verschiedenster Anliegen während meines Besuches, ob nun an die Kommandantenkammer klopfend, per Telefon oder auch bei unserem Rundgang, die rechnet er nicht.
Abbildung (Teil 9, S. 39): Faksimile der Originalseite aus „Sport und Technik“ 12/1986 mit Foto von Kapitänleutnant Dotzlaff am Kartentisch
— Sport und Technik 12/86 (Siegfried Wagner)
Abbildungen aus der Broschüre
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