Angeschmiert
Um dem unbeliebten Frühsport im Stützpunkt zu entgehen, versteckte sich ein langgedienter Stabsmatrose des Maschinenabschnitts in einem Schapp und setzte sich auf ein offenes Faß mit einer weißgrauen Masse – Ätznatron für die Kesselspeisewasser-Dosierung. Die Folgen für sein Hinterteil behandelte der Feldscher tagelang.
Seefahrt oder Hafenalltag im Stützpunkt, alles hat seine Vor- und Nachteile. Liegt das Schiff an der Pier fest, gab es Landgang, vielleicht auch Urlaub, auf jeden Fall aber ein kühles Bier in der Kantine oder Dienststellen-Gaststätte. Aber leider, leider gab es im Stützpunkt auch den äußerst unpopulären Frühsport.
Man stelle sich vor: Nachtruhe im 40-Mann-Deck. Aus jeder Ecke schnarcht es anders. Um sechs Uhr zwei lang mit der Alarmklingel, begleitet von einem barschen Weck-Befehl über die Decks-Lautsprecher, gleichzeitig das Kommando: „Besatzung klarmachen zum Frühsport! Anzugsordnung: Turnhose, Sporthemd.“ Jetzt wird es eng! Die Sportsachen liegen in den Backskisten. Also erst einmal die Matratzen-Auflieger auf die oberen Kojen gewuchtet, damit man da überhaupt rankommt. Schon nach fünf Minuten das Kommando: „Besatzung heraustreten zum Frühsport“, doubliert durch das entsprechende Klingelsignal. Angetrieben vom Diensthabenden des Schiffes (DdS) geht es im Laufschritt Richtung Schanz und über die Stelling. Es weht ein kalter Nordost und frierend formieren sich die drei Züge auf der Pier. Die Frühsport-Verantwortlichen übernehmen und lassen im Laufschritt abrücken. Es folgen entweder 20 Minuten Gymnastik oder ein eben so langer Dauerlauf. Vor 06.25 Uhr kommt keiner an Bord zurück. Trutzig blockiert der DdS die Stelling.
Ist es nicht verständlich, daß man mit allen Tricks und Kniffen versucht, diesem Ungemach zu entgehen? Im Deck verstecken, macht wenig Sinn. Dort wird durch die Diensthabenden gründlich kontrolliert. Wenn aber die gesamte Besatzung gleichzeitig raustritt, ergibt sich schon mal die Gelegenheit in dem Durcheinander schnell und unbemerkt hinter einem Schott zu verschwinden.
So tat es auch heute wieder ein „alter Hase“ aus dem Maschinen-Abschnitt, also einer der langgedienten Stabsmatrosen. Sein „Stammplatz“ ist ein kleines Schapp, das man direkt vom Vorraum des Deck 5 erreichen kann. Dort hat er schon einige male „abgewettert“. Bloß, was ist den heute los? In dem engen Raum steht ein großes, offenes Faß, bis zum Rand gefüllt mit einer weißgrauen Masse. Eine Prüfung mit einem Finger ergibt eine feste Konsistenz. Also schwingt sich unser Stabser auf das Faß und verbringt so die 20 Minuten. Alles geht gut, sein Fehlen bleibt unbemerkt.
Nach der Morgenmusterung ist Polit-Unterricht angesagt. Die erste Stunde geht es noch gut. Aber dann wird es dem Stabser irgendwie immer ungemütlicher. Die Sitzfläche seines Achterstevens fängt erst an zu jucken, dann geht das Jucken in schmerzhaftes Brennen über. Er kann kaum noch sitzen. Endlich Pause! Er flitzt zur Toilette, um nachzuschauen was da los ist. So weit er es einsehen kann, ist sein Hinterteil knallrot. Kleine Bläschen haben sich gebildet. Das brennt und brennt. In der Unterhose sind kleine braune Löcher, wie mit einer Zigarette reingebrannt. Er saust ins Deck. Blick auf die Turnhose. Der ganze Hosenboden ist braun ausgefranzt. Nun wird es dem Drückeberger mulmig. Er meldet sich ab zum Med.-Punkt. Der Feldscher sieht sich die Bescherung an. Der Achtersteven ist völlig verätzt ebenso Teile des kleineren Gegengewichtes an der vorderen Körperseite. Stockend kommt der Deliquent mit der Sprache raus. Es muß mit dem Faß zusammenhängen, auf dem er während des Frühsportes saß. Ein Anruf in die LI-Kammer bringt Klarheit: Das Faß ist mit Ätznatron gefüllt, welches zum Dosieren des Kesselspeise-Wassers benötigt wird. Es war gestern angeliefert und gleich geöffnet worden. Nun weiß der Feldscher wenigstens, wie er behandeln muß. Es dauert aber Tage, bis seine Salben und Tinkturen endlich Wirkung zeigen und der Drückeberger wieder ganz normal sitzen kann. Da hatte sich unser Stabser doch im wahrsten Sinne des Wortes total „angeschmiert“.
— Hans Steike
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