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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Ostseeland III

1971 baut die Besatzung der „Ernst Thälmann“ während der Werftliegezeit den ausgemusterten Kutter zu einem weißen Kajütboot um und tauft es „Ostseeland III“ – in Anspielung auf die Staatsjachten. Nach einer Grußbegegnung mit der echten „Ostseeland II“ setzt eine Untersuchungskommission dem Spaß ein Ende: Das Boot wird verschrottet.

1971 liegt das Schiff „Ernst Thälmann“ in der Werft. Gerade unter Werftbedingungen darf die militärische Disziplin und Ordnung nicht leiden. Der sozialistische Wettbewerb zwischen den GA’s muß weiterlaufen. Nur, wie motiviert man eine Besatzung in der Werft? Da hat der Kommandant eine Idee:

Das Schiff war ursprünglich mit einem sechsriemigen Kutter sowjetischer Bauart ausgerüstet. In der Werftliste steht, daß dieser durch einen K-10 deutscher Produktion auszuwechseln sei. Der Außenbordmotor hatte ebenfalls seine Nutzungsdauer überschritten und sollte verschrottet werden. Wenn man nun den Kutter umbaut in ein Kajütboot, den Motor gründlich überholt und die wochenbesten Besatzungsangehörigen mit einer Wochenendfahrt auf den inneren Gewässern „belobigt“?

Die Truppe ist begeistert und entwickelt Eigeninitiativen, von denen man sonst nur träumen kann. Das meiste des benötigten Materials liefern ausgesonderte Teile des eigenen Schiffes oder es wird aus Werftschrott regeneriert. Um das Wenige zu besorgen, was noch fehlt, ziehen die besten Organisatoren mit ein paar Flaschen privat gekauftem Hochprozentigen in die interessierenden Gewerke der Werft. Keiner kehrt erfolglos zurück. Der Motor wird zerlegt, verschlissene Teile werden in der Bordwerkstatt oder in der Werft nachgefertigt. Nach dem Zusammenbau läuft er wieder wie ein Bienchen. Beruflich vorbelastete Besatzungsangehörige arbeiten in ihrer Freizeit am Boot. Allmählich entsteht etwas, was selbst die Anerkennung der Werftarbeiter findet. Sie bringen sich zuerst mit guten Ratschlägen, dann mit Handanlegen und schließlich mit kleinen Ausrüstungsspenden ein.

Dann endlich ist es soweit! In strahlendem Weiß liegt das schnucklige kleine Kajütboot am grauen KSS längsseits. Auch ein Name ist schnell gefunden, denn es gibt in der Volksmarine nur zwei vergleichbare Schiffe: die Staatsjachten „Ostseeland I“ und „Ostseeland II“. Schon prangt in Marineblau „Ostseeland III“ auf beiden Bordseiten. Nach der feierlichen Taufe hilft der am gegenüberliegenden Warnowufer befindliche GST-Stützpunkt bei der ordentlichen Zulassung des Bootes. Es ist eine Gegenleistung, denn vorher hatte das KSS die Signälerausbildung der GST-Kameraden unterstützt. Einige Offiziere erwerben auf eigene Kosten die notwendigen Berechtigungen zum Befahren der inneren Gewässer.

In der Folgezeit erfüllt die „Ostseeland III“ die ihr ursprünglich zugedachten Aufgaben. Die jeweils besten Matrosen und Unteroffiziere der Woche verbringen unter Führung eines Offiziers einen erlebnisreichen Sonnabend/Sonntag-Törn auf der Warnow. Wer einmal mitfahren durfte, strengte sich an, möglichst noch einmal in diesen Genuß zu kommen. Dann werden die Aufgaben um ökonomische Aspekte erweitert. Der I.WO fährt mit VS-Sachen und deshalb mit Pistole bewaffnet zur Wochenplanung nach Warnemünde. Andere Kurierfahrten folgen. Die dazu sonst benötigten PKW und deren Leerfahrten bleiben so dem KFZ-Dienst der Flottille erspart.

Doch eines Tages geschieht es dann: Wieder ist der I.WO auf Planungsfahrt, als ihm die „Ostseeland II“ entgegenkommt. Deren Kommandant schaut sich neugierig den schmucken Winzling, der auch die Dienstflagge der Volksmarine führt, mit dem Fernglas an und entdeckt dabei vermutlich den Namen. Er muß wohl einen Spaß verstehen, denn plötzlich tritt seine Besatzung an Backbord an, er pfeift Seite und legt die Hand an die Mütze. Da keine Trillerpfeife an Bord antwortet die „Ostseeland III“ mit dem Nebelhorn. Mit schneidiger Grußerweisung des I.WO rauschen die beiden ungleichen Schiffe aneinander vorbei.

Wahrscheinlich hat der Kommandant der Staatsjacht von diesem lustigen Zeremoniell auch im Kommando der Volksmarine erzählt. Allerdings muß es dabei auch jemandem zu Ohren gekommen sein, der weniger Spaß verstand und die Dienstmühle in Gang setzte.

Eine Untersuchungskommission des Abteilungsstabes fällt in der Werft über Schiff und Kommandant her. Und ab hier ist es dann gar nicht mehr lustig! Als man Veruntreuung von Volkseigentum („zweckentfremdete Verwendung von Material“) nicht nachweisen kann, wird das ganze politisch aufgezogen: Verhohnepiepelung der Staatsjachten, Eigenmächtigkeit, Anmassung und was nicht noch alles im Abschlußbericht steht. Keine Bemerkung über den guten Zweck, kein Wort über die sinnvolle Freizeitbeschäftigung für viele Angehörige der Besatzung. Was vorher von oben wohlwollend geduldet wurde, wird auf einmal verdammt. Der Kommandant bekommt „eine drüber“ und die „Ostseeland III“ muß nach Überpönen des Namens im Stützpunkt Warnemünde der Verschrottung zugeführt werden.

Selbst als Werftangehörige bis zu 30.000 Mark für den Kauf des Bootes bieten, bleibt die Volksmarine hartleibig. Eine solche Transaktion war in den Dienstvorschriften wohl nicht vorgesehen und wo und wie hätte die Unterabteilung Finanzökonomie diese Einnahme auch verbuchen sollen?

— Hans Steike

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