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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Episoden und Gedanken

Aller Anfang ist schwer

Der erste Kommandant des KSS 1-62 (später „Karl Marx“) erinnert sich an zwei Vorfälle aus der Anfangszeit der Küstenschutzschiffe 1957: den ersten Übungstorpedoschuß der Volksmarine, bei dem der Torpedo im Schlick steckenblieb, und einen vermeintlichen Sprengkörper an Bord, der sich als vergessener sowjetischer Imitationskörper entpuppte.

Ein Aal, der nicht konnte, wie er sollte (oder: viele Köche verderben den Brei)

Mit der Übernahme der beiden ersten KSS im Dezember 1956 waren die Besatzungen auf volle Gefechtsstärke (damals 186 Mann) aufgefüllt und nach der Überführung in den Heimathafen Saßnitz begann sofort eine intensive Hafen- und Seeausbildung nach Vorschriften der Sowjetischen Seekriegsflotte. Das war keine leichte Aufgabe, denn wir hatten es mit Waffensystemen, Antriebsanlagen und Ausrüstungen zu tun, die in der Volksmarine bis dahin unbekannt waren und ihresgleichen suchten. Dazu kam, daß die gesamte Borddokumentation nur in Russisch vorlag. Um diese schwierige Anfangsphase zu meistern, sollten vertragsgemäß die wichtigsten Spezialisten der sowjetischen Besatzung noch drei Monate an Bord verbleiben und uns bei der Ausbildung anleiten. Innerhalb dieses Zeitraumes war auch die Erprobung und Abnahme der Waffensysteme vorgesehen.

Das Artillerieschießen fand am 12. März 1957 im Seegebiet Adlergrund ohne erwähnenswerte Besonderheiten statt. Das Schießen eines Übungstorpedos war für den Folgetag geplant. Zu diesem Zweck wurde eine Schußposition nordöstlich der Tromper Wieck mit einer Wassertiefe von 60m ausgewählt, denn es mußte mit einem „Torpedosack“ – also einem Durchsacken des Torpedos vor Einnahme der eingestellten Lauftiefe – von bis zu 25m gerechnet werden.

Am 13. März begann die „Operation“, die vom amtierenden Chef der Verwaltung Seestreitkräfte Konteradmiral Neukirchen (in der Flotte „Donnergroll“ genannt), persönlich geleitet wurde. Nachdem er die Meldung erhalten hatte, daß die zur Absperrung des Seegebietes eingesetzten Schiffe ihre Positionen eingenommen hatten, erhielt ich den Befehl zum Ablaufen und zur Einnahme der Schußposition.

Schon nach dem Auslaufen aus Saßnitz hatte ich immer öfter von der Brücke zum Torpedorohrsatz geschaut, wo sich mehrere Spezialisten - unser Kommandeur GA-III, Flottillen-Sperr-Offizier, Flaggsperroffizier und der sowjetische Spezialist - bemühten, dem Aal den letzten Schliff zu geben. Aus ihren heftigen Diskussionen und Gebärden war eindeutig zu entnehmen, daß man sich partout nicht einigen konnte, welche Eingeweide des Torpedos wie zueinander geregelt werden sollten. Nachdem „Donnergroll“ ob dieses Szenariums begann unruhig zu werden, einigte man sich schnell, indem der Flaggsperroffizier seine Variante favorisierte. Als mir der Torpedo endlich klar gemeldet wurde, gingen wir auf Gefechtskurs und nach Erreichen der Schußposition gab ich den Befehl „Torpedo los!“

Der Aal verließ vorbildlich das Rohr, wurde dabei illegal vom I.WO fotografiert, und tauchte elegant ins Wasser. Dutzende Augenpaare, teils mit Ferngläsern bewaffnet, starrten gebannt auf die Wasseroberfläche, denn jeder wollte als Erster die Torpedolaufbahn entdecken. Aber es hat nicht sein sollen. Der Aal hatte die gemeinsame Fürsorge der vier Spezialisten nicht verkraftet, tauchte unter und bohrte sich in den Schlick.

Auf der Brücke, die reichlich mit Vorgesetzten, Spezialisten und Gästen besetzt war, stand nun die Frage „Was tun?“ Wiederum eine Vielzahl gegensätzlicher Meinungen und Vorschläge, bis der Entschluß gefaßt wurde, erst einmal einen größeren Sicherheitsabstand einzunehmen, um einer Selbstversenkung durch den möglicherweise plötzlich auftauchenden Torpedo zu entgehen. Wir gingen also auf Distanz und warteten ab, wie der Aal weiter reagieren wird.

Ich hatte die hydroakustische Station „Pegas“ im passiven Regime (Geräuschpeilung) schalten lassen und es war eine große Erleichterung, als der Hydroakustiker Schraubengeräusche in konstanter Peilung meldete. Da in dieser Peilung kein Schiff auszumachen war, konnte es sich nur um die Schraubengeräusche des im Schlick festsitzenden Torpedos handeln. „Donnergroll“ befahl mir, ihm sofort Meldung zu erstatten, wenn die Torpedogeräusche verstummen und verzog sich mit Anzugsordnung Hängelippe in die Gästekammer.

Und siehe da: Nach geraumer Zeit war das Antriebsgemisch verbraucht. Die Schraubengeräusche verstummten. Da der fehlende Vortrieb den Torpedo nun nicht mehr im Schlick festhielt und weil durch den weichen Untergrund sein Übungskopf kaum beschädigt war, schwamm unser Aal auf und stand senkrecht im Wasser. Sein beim Auftauchen vom Schlamm befreiter rot-weißer Übungskopf war auch optisch gut auszumachen.

Da unsere Seestreitkräfte zu diesem Zeitpunkt noch nicht über Torpedofangboote verfügten, mußte der Torpedo von uns selbst geborgen werden. Als der Aal sicher an Bord war, ging es zurück nach Saßnitz. Nach dem Festmachen verließ „Donnergroll“ als Leiter der Operation, ohne auch nur ein Wörtchen von sich zu geben, das Schiff. Fazit: Schon die alten Römer wußten, daß viele Köche den Brei verderben.

Bombe an Bord (oder: Viel Lärm um nichts)

Neue Aufgaben sind in der Regel reizvoll. Besonders als Kommandant eines neu in Dienst gestellten Schiffes ist man bestrebt, Herausforderungen anzunehmen und sie zur Zufriedenheit der eigenen Besatzung und der Vorgesetzten zu meistern. Die Dialektik des täglichen Lebens hält jedoch nicht nur angenehme sondern auch unangenehme Überraschungen bereit. Auch wir wurden von letzteren nicht verschont.

Wir hatten gerade den ersten Auslandsbesuch von Schiffen der Volksmarine zu den „Tagen des Meeres“ in der Volksrepublik Polen hinter uns, als ich es wagte, einen Wochenendurlaub zu meinen Eltern in Thüringen zu beantragen, der mir auch genehmigt wurde. Wegen der damals offenen Grenzen war Berlin für uns tabu und die Fahrt von Saßnitz über Stralsund – Schwerin – Leipzig nach Altenburg war kein Zuckerlecken. Die Züge waren meist übervoll, oft blieb nur ein Stehplatz. Getränke zur Stabilisierung des Gleichgewichtes mußten unter erschwerten Bedingungen herbeiorganisiert werden. Um so enttäuschter war ich, als ich mehr oder weniger geschafft, die elterliche Wohnung erreicht hatte und meine Mutter mir ein Telegramm in die Hand drückte. Der Inhalt war militärisch kurz und knackig: „Sofort zurück zur Dienststelle!“

Was war geschehen? Jeden Sonnabend fand laut Dienstplan die sogenannte „Große Funktionsprobe“ statt, die der Überprüfung aller Waffen und technischen Mittel diente. Dabei wurde rein zufällig hinter diversen Geräten im Buggeschütz ein Gegenstand entdeckt, der mit einer kurzen Zündschnur versehen war. Mein I.WO, der die Funktionsprobe leitete, informierte den Stab und den zuständigen Offizier der militärischen Abwehr. Ein Sabotageakt wurde vermutet. Die Stasi nahm die Sache in die Hand. Großalarm! Im Prinzip nicht verwunderlich, denn zu dieser Zeit gehörten die beiden KSS mit zu den geheimsten Objekten der Seestreitkräfte der DDR.

Aus dem Bezirk Rostock wurden Dutzende von Stasi-Mitarbeitern alarmiert, die das Flaggschiff stundenlang buchstäblich auf den Kopf stellten. Keine Gefechtsstation, kein Funktionsraum, kein Deck, keine Kammer, keine Backskiste blieb verschont. Als ich an Bord ankam, war diese Aktion bereits im Abflauen. Nachdem mein I.WO mich ins Bild gesetzt hatte, wollte ich das „Corpus delicti“ natürlich persönlich in Augenschein nehmen, aber es war beschlagnahmt und wurde unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen im Dienstzimmer des Abwehroffiziers aufbewahrt. Als ich dort den „Sprengkörper“ besichtigen durfte, konnte ich mich eines Lächelns nicht erwehren, denn ich hatte solche tennisballsgroßen, in einfaches Stanniolpapier eingewickelten und mit einer Zündschnur versehenen Gegenstände schon gesehen.

Da ich eine Ausbildung an der Offiziers-Hochschule in Kaliningrad mitgemacht hatte, die unter anderem auch die Sprengung von Seeminen auf dem Frischen Haff beinhaltete, war ich mit dem Improvisationstalent unserer sowjetischen Freunde gut vertraut. Meiner Vermutung, daß es sich um einen vergessenen Imitationskörper der alten sowjetischen Besatzung handeln könnte, wollte sich der Abwehroffizier allerdings nicht anschließen.

Also begaben wir uns mit dem „Spengkörper“ zum ACH der in Saßnitz stationierten U-Jagd-Abteilung der Baltischen Flotte, zu dem ich engen freundschaftlichen Kontakt unterhielt. Dieser bestätigte meine Vermutung und wunderte sich, daß man wegen einer solchen „Samodjelka“ (russ.: Eigenbau) so einen Aufstand machen konnte. Man müßte doch verstehen, daß nicht immer genügend fabrikmäßig hergestellte Imitationsmittel zur Verfügung stünden, um gefechtsnahe Ausbildung simulieren zu können. Da muß eben mal zur Selbsthilfe gegriffen werden. Während des Gefechtsexerzierens konnte man diese selbst gebastelten Knallkörper von der Brücke aus auf das Vorschiff oder in die Seitengänge werfen. Das dann der eine oder andere Blindgänger dabei ist, sei doch ganz normal.

Diese Erklärung überzeugte und die Aktion „Bombe“ wurde abgeblasen. Meinem I.WO konnte ich keinen Vorwurf machen. Er war damals mit den Improvisationstalenten der Freunde noch nicht vertraut und mußte nach dem Fund Meldung erstatten. Ob aber dieser „Riesenaufriß“ danach aber notwendig war, hatten wir damals schon in Frage gestellt.

Anmerkung: Der Autor war von 1956 bis 1957 Kommandant des KSS 1-62, der späteren „Karl Marx“ und hat diesen Beitrag freundlicherweise der Marine-Kameradschaft KSS Warnemünde e. V. zur Verfügung gestellt.

— Helmut Berger

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