Die Raddampfkorvette "Danzig" - Urgroßmutter aller Korvetten in den deutschen Marinen
Dr. Günter Stavorinus stellt die Raddampfkorvette „Danzig“ der preußischen Marine vor – die erste in einer deutschen Marine eingesetzte Korvette. Beschrieben werden Bau (Kiellegung 1850, Stapellauf 1851, Indienststellung 1853) nach einem Entwurf von John Scott Russell auf der Werft Klawitter in Danzig, die Bewaffnungsübernahme in England, das Mittelmeergeschwader während des Krimkrieges, der Zwischenfall bei Tres Forcas unter Prinz Adalbert, der Verkauf nach England 1857 und das Ende in Japan 1869. Mit den technischen Daten aus dem Seitenriss von Heiner Theuerkauf.
In den offiziellen Bezeichnungen der Schiffe und Boote der maritimen Kräfte der DDR tauchten die Schiffsklassen der Korvetten und Fregatten nicht auf. In Anlehnung an die sowjetische Seekriegsflotte wurden diese Schiffe, die unterhalb der Klasse der Zerstörer angesiedelt waren, als Küstenschutz-Schiffe bezeichnet. Im NATO-Code waren die KSS der Projekte 50 und 1159 als Fregatten und die KSS der Projekte 133.1 als Korvetten eingestuft. In den letzten Folgen der Jahresbroschüre der Marinekameradschaft KSS e. V. gab es Beiträge zur frühen Marinegeschichte in Deutschland. Dazu passt der folgende kurze Aufsatz über die erste in einer deutschen Marine eingesetzten Korvette: die Raddampfkorvette “Danzig” der Marine Preußens.
Nach dem Scheitern der Reichsflotte unter Admiral Brommy, führten machtpolitische Pläne im Königreich Preußen zur Bildung einer Admiralität und zu Vorbereitungen für den Aufbau einer Marine. Sie sollte dem Schutz des Seehandels und der “offensiven Verteidigung” der Küste in Ost- und Nordsee dienen. Prinz Adalbert von Preußen wurde zum Oberbefehlshaber der Marine berufen. Er gehörte zu den reformfreudigen Mitgliedern des Königshauses. Als Artillerist war er mit den technischen Aspekten der Waffentechnik vertraut. Seit seiner Jugend, von General Gneisenau gefördert, hatte er sich für das Seewesen und die Marine interessiert und praktische Erfahrungen auf Schiffsreisen in Europa und bis nach Brasilien erworben. Auch deshalb hatte er den Vorsitz in der Marinekommission des Frankfurter Paulskirchenparlaments 1848/49.
Am Aufbau der Flotte sollte die “vaterländische Industrie” beteiligt werden. In Ermangelung eigener Pläne wurde das technisch veraltete Projekt einer Raddampfkorvette von dem englischen Schiffbauer John Scott Russell erworben. Der Schiffbaumeister J.W. Klawitter, Werftbesitzer in Danzig, wurde als Generalauftragnehmer mit der Leitung des Neubaus beauftragt. Festungspioniere aus Königsberg errichteten auf dem Gelände des Marinedepots, der späteren Königlichen Werft, vor den Danziger Festungswällen eine Helling. Die Kiellegung erfolgte am 24. August 1850. Klawitter meisterte die Schwierigkeiten beim Bau des mit eisernen Diagonalschienen verstärkten Eichenholzrumpfes. Am 13. November 1851 konnte der Stapellauf erfolgen. Grosse Teile der seemännisch-technischen Ausrüstung und die gesamte Antriebsanlage waren Importe aus England. Von dort sollte auch die Bewaffnung bezogen werden. Monteure und Spezialisten von Scott Russel übernahmen den Einbau und später die Kontrolle über die Erprobung in See. Die mit 500.000 Taler veranschlagten Baukosten wurden um 40% überschritten. Ein bis heute nicht unbekannter Vorgang in der Rüstungsindustrie. Für dieses Geld hätte man im Ausland ein eisernes Schiff mit Schraubenantrieb beschaffen können, aber der Zeitdruck und die Förderungsbereitschaft für das einheimische Schiffbaugewerbe hatten eine höhere Priorität.
Die technischen Daten sind unter den Seitenriß des Schiffes zu finden, den Heiner Theuerkauf angefertigt hat. Die Barktakelung, die Radkästen und zwei Schornsteine sind die typischen Erkennungsmerkmale.
Am 1. Juni 1853 wurde die “Danzig” unter dem aus der schwedischen Marine angeworbenen Korvettenkapitän Govert Adolf Indebetou in Dienst gestellt. Preußische Seeoffiziere mit ausreichenden Erfahrung für die Führung eines großen Dampfschiffes gab es noch nicht. Nach ausführlicher Erprobung lief die Korvette am 12. Juli 1853 nach England aus, um dort die zwölf 68-Pfünder Bombenkanonen der Hauptbewaffnung zu übernehmen. Geschütze dieses Kalibers konnten zu dieser Zeit im Inland nicht gegossen werden. Bei dem Aufenthalt in England konnte die Besatzung die Weltausstellung mit dem Glaspalast, die Sehenswürdigkeiten Londons sowie Schiffe und Werften der Royal Navy besichtigen. Der Landgang für die Mannschaften wurde verboten, nachdem zwei Matrosen desertiert waren. Die Übernahme der Kanonen, die Ausarbeitung einer Gefechtsrolle und das Einschiessen erfolgte ohne Zwischenfälle. Das Schiff war einsatzbereit.
Preußen war im Konflikt zwischen Rußland und den mit der Türkei verbündeten europäischen Mächten neutral geblieben. Der als Krimkrieg bekannte gewordene erste Feldzug des Industriezeitalters wurde durch das Bestreben des Zaren nach Kontrolle über die Schwarzmeerzufahrt ausgelöst. Er endete mit einer Niederlage Rußlands. Um Flagge zu zeigen, entsandte die preußische Regierung ein Übungsgeschwader in des Mittelmeer und in den Bosporus. Zu ihm gehörte auch die Raddampfkorvette “Danzig”, das neueste Schiff der Marine. Das Geschwader wurde von dem aus der niederländischen Marine angeworbenen Kommodore Jan Schröder geführt. Nach der Erledigung von Aufträgen in Piräus und Hermopolis auf Syra, traf die “Danzig” im Februar 1854 in Alexandria wieder auf die anderen Schiffe des Geschwaders. Bereits auf der Heimreise, mußte die “Danzig” dem griechischen König aus dem Hause Wittelsbach bei Auseinandersetzungen mit rebellierenden Untertanen Rückhalt bieten.
Am 1. Juli 1854 war das Schiff wieder in Danzig. Der Kommandant legte der technischen Abteilung der Marinestation eine Mängellist mit 42 Positionen vor. Obwohl gut begründet, wurden nur einige akzeptiert, darunter die Verlegung der Steuerrolle, die direkt über die Tafel in der Offiziersmesse führte.
Nach Wach- und Repräsentationsaufgaben ging die “Danzig” mit einem Ausbildungsgeschwader in den Atlantik, später ins Mittelmeer, um die Rechte Preußens aus dem Pariser Frieden, der den Krimkrieg beendet hatte, für Preußen wahrzunehmen. Dabei ist es zu dem Zwischenfall an der marokkanischen Küste bei Tres Forcas mit den seeräuberischen Riffkabylen gekommen. Prinz Adalbert hatte eine von ihm geleitete Landung an der unzugänglichen Küste befohlen. Die Strafaktion für die Kaperung eines preußischen Handelsschiffes endete mit einem Fiasko. Es gab Tote und Verletzte, auch der Prinz wurde verwundet. Die Öffentlichkeit erfuhr so etwas von den Aktivitäten der Marine und verklärte sie als Heldentat, die Politik verhielt sich reservierter.
Im Januar 1857 wurde fortschreitende Trockenfäule am ganzen Schiffskörper festgestellt. Eine Grundreparatur wäre zu kostspielig gewesen. Deshalb wurde die “Danzig” für 62.000 Taler nach England verkauft, gelangte 1864 nach Japan, wurde in der Shogunatsflotte verwendet, nach einer Beschädigung als Küstenbatterie eingesetzt und 1869 bei einer Pulverexplosion zerstört.
Details zur Geschichte der “Danzig” und zum Bordleben der Besatzung können im Tagebuch des Leutnant zur See 2. Klasse (Oberleutnant) Eduard Arendt nachgelesen werden, das der Autor mit Peter Günther 1998 veröffentlicht hat. Dort findet sich auch die weiterführende Literatur.
Die technischen Daten sind unter den Seitenriß des Schiffes zu finden, den Heiner Theuerkauf angefertigt hat. Die Barktakelung, die Radkästen und zwei Schornsteine sind die typischen Erkennungsmerkmale.

Technische Daten der Raddampfkorvette „Danzig“ (nach der Zeichnung von Heiner Theuerkauf):
- Entwurf: Scott Russel
- Bauweise: Querspant-Kraweel-Eichenholz mit Kupferbeschlag
- Bauwerft: Königliches Marinedepot Danzig - J. W. Klawitter
- Stapellauf: 13. 11. 1851
- Indienststellung: 01. 06. 1853
- Länge ohne Klüverbaum: 75,66 m
- Breite über Rumpf: 10,4 m; über Radkästen: 16,5 m
- Tiefgang: 4,27 m
- Erste Bewaffnung: 12 x 68 Pfünder Arsenal Woolwich (Kaliber 20,3 cm); später nur noch 8 Geschütze
- Besatzung: ca. 220 Mann
- Maschinenanlage: 4 Kofferkessel (1,33 atü) und 2 x 2-Zylinder-Einfachexpansionsmaschinen von 1800 PSi oder 400 PSe Leistung
- Antrieb: Zwei Räder von 7,75 m Durchmesser mit 8 Schaufeln
- Geschwindigkeit: 11,6 Kn (+)
- Reichweite: 3500 Seemeilen bei 380 t Kohlenvorrat
— Dr. Günter Stavorinus
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