Zum Inhalt springen
Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
In alten Zeitschriften geblättert

„Salve – Feuer!“

Nachdruck einer Reportage von Wolfgang Schünke aus der GST-Zeitschrift „Seesport“ über ein Artillerieschießen des KSS „Friedrich Engels“ und den GA-II-Kommandeur Kapitänleutnant Horst Metschke. Geschildert werden der Ablauf im Feuerleitstand, der Werdegang des jungen Offiziers und seine Arbeit mit den Angehörigen seines Gefechtsabschnittes. Mit einer erläuternden Vorbemerkung der Redaktion.

Anmerkung der Redaktion: Zugesandt haben uns die beiden folgenden Artikel Herr Helmut Bechert („Salve – Feuer) und Wolfgang Peschenz (Letzte Reise nach L.).

Anmerkung der Redaktion: Unter diesem Titel stand im Heft 7 bereits ein Artikel von Dieter Flohr. Der jetzige Beitrag ist älter, stammt aus der Feder von Wolfgang Schünke und erschien in der GST-Zeitschrift „Seesport“. Der im Artikel genannte GA-Kommandeur Horst Metzschke lehrte später Taktik der Überwasserkräfte an der Militärakademie in Dresden. Wolfgang Genz entwickelte sich in seiner Dienstzeit noch zum Oberstückmeister und ist heute Mitglied unserer Kameradschaft. Zum Text „Seeziel Backbord 110 – Entfernung 150“ ist für die jüngeren Generationen, die noch auf KSS Pr. 50 gefahren sind, eine Erklärungen notwendig: Die geschilderte Art der Zielzuweisung ist noch älterer Technik und der BÜ-Sprache der damaligen Dienstorganisation geschuldet.

Titelgrafik „SALVE – FEUER“ aus der Zeitschrift „Seesport“ (Zeichnung eines feuernden Geschützes)
Titelgrafik „SALVE – FEUER“ aus der Zeitschrift „Seesport“ (Zeichnung eines feuernden Geschützes) Broschüre Teil 8, Seite 20Bildnachweis des Heftes: Fotos: Fischerei- und Hafenmuseum Saßnitz, Dieter Flohr, Internet, Ulrich Korn, Dieter Liebenau, Ralf Lindemann, Hans Mehl,

Jede Bewegung des grauen Schiffskörpers in der leicht bewegten winterlichen See scheint nach dem Geschaukel hier oben eine Art Bocksprung zu sein. Dazu ist es so eng im Feuerleitstand, dass man sich wundern muss, wie man überhaupt hereingekommen ist. Links Geräte, rechts Geräte, vor den Augen welche und schließlich auch noch oben, wo durch die geöffnete Luke ein Stück schmutziger Himmel hereinsieht, ein Beobachtungsgerät. Und diese Geräte nehmen die Aufmerksamkeit der vier Mann, die den Feuerleitstand besetzt halten, völlig in Anspruch. Diese Gefechtsstation, gleichzeitig der Befehlsstand des Artillerie-Gefechtsabschnittes, ist der Platz für den Kommandeur des Abschnittes, den E-Mess-Maaten und je einen Richtgasten für die Seite und Höhe. Tief unten, vorn und achtern auf dem Deck des Küstenschutzschiffes „Friedrich Engels“ kurbeln währenddessen die Artilleristen an der Automatik ihrer Geschütze. Drohend weisen die Rohre der 100mm-Waffen wie ausgestreckte Zeigefinger nach Backbord.

Seeziel Backbord 110 – Entfernung 150

Wie ein Pflug die schwere, dunkle Erde bricht, teilt der hohe Klippersteven der „Friedrich Engels“ die bleigraue See. Die Gasten auf den funktechnischen und optischen Beobachtungsstationen suchen aufmerksam den Horizont ab. Da! Auf dem Bildschirm des Radargerätes im Ruderraum taucht ein unbekanntes Objekt auf. Ein Signal zeigt dem Kommandanten draußen auf dem HBS die Beobachtung des Gerätegasten an. Gleichzeitig kommen auch schon vom Oberrichtmann die aus der Visiereinstellung auf das Ziel ermittelten Werte: „Backbord 110, Entfernung 150, mittleres Seeziel!“ Der Kommandant entscheidet, das Ziel mit Artillerie zu bekämpfen. „Gefechtsalarm!“ schrillen die Glocken durch das Schiff. In Sekundenschnelle haben die Artilleristen ihre Stationen besetzt. Mit „BS-1/II hört“, ruft ihr Kommandeur Kapitänleutnant Horst Metschke in die Sprechmuschel des Befehlsübermittlungsgerätes (BÜ) und nimmt die Gefechtsklarmeldung seiner Geschützführer entgegen. Dann meldet er den GA-II klar zum Gefecht an den Kommandanten. „HBS an BS-1/II!“ tönt es aus dem Hörer des BÜ-Gerätes. Und wieder bestätigt der GA-Kommandeur: „BS-1/II hört!“ Der Kommandant gibt seinen Entschluss und die Zielkoordinaten herauf zur Kuppel des Feuerleitstandes. Inzwischen hat auch der Oberrichtmann die Zielzuweisung zum Feuerleitstand geschaltet. In den kleinen Feldern des Bildschirmes vor unseren Augen bewegt sich jetzt das Ziel – unentrinnbar von den geheimnisvollen Strahlen der Beobachtungsgeräte unseres Schiffes eingefangen. „Ziel auffassen!“ befiehlt Horst Metschke. Eine grüne Lampe leuchtet auf und geräuschlos dreht sich der Feuerleitstand nach Backbord hinüber, bis die Lampe erlischt und das Ziel genau im Nullfeld unseres Gerätes steht. Tief unten in der Rechenzentrale werden laufend die Koordinaten des Zieles ermittelt. „Geschwindigkeit 30 - Kurs 340“ kommen neue Angaben über das gegnerische Schiff. „Seeziel 110 Grad Backbord – nach beobachteten Werten!“ ….. „Salve – Feuer!“ Sechsmal blitzt ein gelbroter Feuerball aus den Rohren der Geschütze. Das Schiff erzittert, dem Feueball folgt pechschwarzer Rauch und dann ein im Wind zerflatterndes, weißes Wölkchen - das Ziel ist getroffen.

Der junge GA-Kommandeur

Am Ende des Ausbildungsjahres 1961 erhielten alle drei Bedienungen der schweren Geschütze des Schiffes „Friedrich Engels“ die Note „ausgezeichnet“. Zu Anfang jenes Ausbildungsjahres aber hatte der 29jährige Leipziger Kürschner, Kapitänleutnant Horst Metschke, das Kommando des GA-II übernommen. Der Lebensweg des jungen Offiziers ist reich an Ereignissen, wie sie die Kriegsjahre und die schwere Nachkriegszeit prägten. Bestimmend aber für seine Zukunft wurden die Berliner Augusttage des Jahres 1951 – die Tage des Welttreffens der Jugend in Berlin. Als Tausende junger Menschen die Lockungen nach Westberlin zu kommen, geschlossen und mit einer machtvollen Demonstration „befolgten“, war auch Horst dabei. Als dann die Stummpolizei brutal auf die jungen Demonstranten losschlug, stellte auch er sich schützend vor die Mädchen. Von diesem Erlebnis bis zum Schreiben einer Bewerbung für die damalige Seepolizei der DDR war es bei Horst kein weiter Weg mehr. Aus dem Arbeiterjungen wurde der Offiziersschüler und Seeoffizier, der heutige GA-II-Kommandeur, Träger der Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee, Genosse der Arbeiterpartei, Kapitänleutnant Horst Metschke.

Brief an eine Mutter

Es ist leicht hingeschrieben: Der Seeoffizier … Aber was steckt dahinter an Mühen, an Entsagungen, an Gedanken, an Problemen. Gerade die Technik der Artillerie wird immer komplizierter, immer vielseitiger, immer schwerer zu meistern. Für Horst Metschke allerdings heißt das in erster Linie, dass sie auch immer interessanter wird. An so manchem Abend knobeln die Mitglieder des Mathematik-Zirkels an Bord unter seiner Leitung an kniffligen Aufgaben. Das Ergebnis ist auf jeden Fall für alle Beteiligten immer die Befähigung, ihren verantwortungsvollen Dienst noch besser zu leisten. Aber da gibt es nicht nur die technischen Probleme. Der Offizier, der Vorgesetzte, hat schließlich auch die Verantwortung, die Sorge für seine Genossen zu tragen. Denn ohne sie und ihren hohen Ausbildungsstand wäre selbst seine beste Leistung nur eine Farce. In der Bedienung von Obermaat Wolfgang Genz ist ein Genosse, der sich nur schwer in das Kollektiv einfügen kann. Der Obermaat wurde mit diesem Problem nicht allein fertig. An wen sollte er sich wenden? Natürlich an den Kommandeur, an Kapitänleutnant Horst Metschke, in dessen Kammer schon so viele Genossen seines Gefechtsabschnittes, gleich ob abends oder sonntags gesessen haben, um ihre persönlichen Sorgen mit ihrem Offizier zu besprechen. Gemeinsam fanden Offizier und Unteroffizier den Weg. Wolfgang Genz schrieb einen Brief an die Mutter des jungen Genossen. Viele Ratschläge gab ihm der Antwortbrief, der aus dem Thüringischen kam. Und der Erfolg blieb nicht aus. Heute ist nur noch selten Grund, über das einstige Sorgenkind zu klagen. Viele Beispiele gibt es noch, wie Horst Metschke auch die schwierige Funktion des Offiziers, Erzieher seiner Genossen zu sein, meistert. Als seinerzeit Dieter Gassenbeek an Bord kam, wurde er als BÜ-Gast auf dem HBS eingesetzt. Sechs Wochen Grundausbildung an der Flottenschule waren die einzige Voraussetzung, die der 19jährige Werkzeugmacher aus den Thüringer Bergen mitbrachte. Befahl der Kommandant, die Vorleine über einen Poller zu legen, gab Dieter durch das BÜ-Gerät vielleicht das Kommando so weiter: „Vorleine – Feuer!“ Kam der Befehl: „An Bootsmann – Spring über!“ rief er in die Sprechmuschel „Bootsmann spring über!“ Natürlich musste der diesen Befehl verweigern. Das Gelächter der anderen Genossen wurde für Dieter zu schmerzhaften Stichen. In den Stunden der gemeinsamen nächtlichen Wache übte Horst Metschke mit Dieter Gassenbeek die seemännischen Kommandos. Das Ergebnis: Heute füllt der Obermatrose die Funktion des Oberrichtmannes voll aus. „Der Kapitänleutnant Horst Metschke ist mein Vorbild“, sagt er. „Unser GA-Kommandeur versucht, den Menschen ins Herz zu dringen. Und das ist oft nicht leicht“. Dieter Gassenbeek hat sich verpflichtet, ein Jahr länger bei der Volksmarine Dienst zu tun und die Qualifikation des E-Mess-Maaten zu erwerben. Dann wird er hier oben im Feuerleitstand zur Linken des GA-Kommandeurs sitzen. Und vielleicht wird dabei in ihm der Wunsch wach, einmal ein ebenso guter und geachteter Offizier unserer sozialistischen Armee zu werden, wie es Kapitänleutnant Horst Metschke ist.

— Wolfgang Schünke (GST-Zeitschrift „Seesport“)

Verwandte Beiträge

Nach oben