Unter Störtebekers Piraten
Wolfgang Jänecke, 1959 Kessel- und Pumpenmeister in der Baubelehrungseinheit KSS in Saßnitz-Dwasieden, wird mit zwei Maschinisten nach Ralswiek befohlen, um die Maschinenanlagen zweier zu Koggen umgebauter Fischkutter für die Störtebeker-Festspiele in Gang zu bringen. Er schildert Proben, Aufführungen, Seeschlacht-Szenen mit KSS-Personal als Piraten, kleine Pannen und das Abschiedsfest der Spielsaison 1959 sowie seinen Einsatz als Berater 1960.
Nach Beendigung des Obermeister-Lehrganges auf der Flottenschule in Parow am 30.05.1959 wurde ich mit Wirkung vom 02.06.1959 zur TS-Brigade nach Saßnitz-Dwasieden versetzt. Warum ich zuerst noch auf einer TS-Boots- und nicht KSS-Planstelle saß, weiß ich nicht. Auf jeden Fall war mein Einsatz als Kessel- und Pumpenmeister auf KSS geplant. Die Dienststelle selbst war mir noch gut bekannt, da mein Wehrdienstverhältnis am 15.03.1955 dort begonnen hatte. In der Zwischenzeit hatte sich in Dwasieden selbst nicht viel verändert. Lediglich Einstellungen und Grundausbildungs-Lehrgänge fanden nun nicht mehr statt. In der Dienststelle befand sich jetzt ein Verbrauchsmittel- und Ersatzteil-Lager und nun auch wir, die Baubelehrungseinheit für die zukünftigen KSS 502 und 702. Als Unterkünfte dienten nach wie vor Baracken und als Stabsgebäude der ehemalige Pferdestall des Schlosses Dwasieden.
Die Baubelehrung wurde innerhalb der Gefechtsabschnitte durchgeführt. Es gab theoretische Ausbildung in den Baracken und praktische Ausbildung auf den beiden bereits seit 1956 in den Seestreitkräften der DDR fahrenden KSS. Stützpunkt dieser Schiffe war der Hafen Saßnitz. Meine zukünftige Funktion als Kessel- und Pumpenmeister erforderte ein ziemlich intensives Studium. Zu beherrschen waren die Kesselanlage, der Hilfskessel, die Kondensat-Gewinnung, das Pumpen- und Rohrleitungssystem für Heizöl, Feuerlösch- und Trinkwasser. In der knappen Freizeit, die wir hatten, war ich daran interessiert möglichst oft nach Greifswald zu fahren. Dort wohnte meine Verlobte, die auch heute noch meine Frau ist. Ein Hobby von mir war die Motocross-Staffel der Baupioniere in Saßnitz. Hier beteiligte ich mich, so wie ich Zeit fand, aktiv und ich bin auch einige Rennen auf der schönen Insel Rügen mitgefahren.
Anfang Juni 1959 wurde ich zu meinem Kommandanten, Kapitänleutnant Kretzschmar, befohlen. In der Kammer war schon der LI, Oberleutnant Ing. Backofen, anwesend. Man stellte mir die Frage, ob ich in der Lage sei, auf zwei ehemaligen Fischkuttern, die zu Koggen umgebaut werden sollten, die Maschinenanlage zum Laufen zu bringen. Zu Koggen? Das klang ja lustig und machte neugierig. Aber mit der Maschinenanlage sah ich als gelernter KFZ-Schlosser keine Probleme. Außerdem war ich von Mai 1957 bis November 1958 als Maschinen-Maat auf MLR „Krake“ gefahren. Also, Erfahrungen mit Motoren waren schon vorhanden. Ich sagte zu. Erst jetzt wurde mir eröffnet, daß die Baubelehrungs-Einheit KSS den Auftrag erhalten hat, die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek mit vorzubereiten, die Koggen zu besetzen und an den Seeschlacht-Szenen teilzunehmen.
Ich durfte mir unter unserem Personal zwei fachlich geeignete Maschinisten aussuchen. Dann machte ich eine ganz allgemeine Aufstellung über Werkzeug und Verbrauchsstoffe, wie Dichtungsmaterial, Schmier- und Reinigungsmittel und Putzlappen fertig. Noch hatte ich die Maschinen ja nicht gesehen. Das Materiallager stellte alles zusammen. Dann hieß es rauf auf einen LKW und ab nach Ralswiek. Dort angekommen kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Direkt am Jasmunder Bodden war eine riesige Bühnenfläche, teils mit Holz ausgelegt, entstanden. Eine grob gepflasterte Straße führte vor den Sitzreihen entlang. Rechts der Bühne stellten gewaltige Kulissen das Rathaus von Stralsund und links das Lübecker Holstentor dar. Eine Holzpier, wo später die Koggen anlegen sollten, ragte in den Bodden. Das Schloß Ralswiek im Hintergrund rundete das eindrucksvolle Bild ab.
Aber ich war ja nicht zum Augen-Aufreißen hier, sondern um zu arbeiten. Nun galt es erst einmal einige Fragen zu klären. Wer ist für uns zuständig? Und für jeden Seemann äußerst wichtig: Wo können wir schlafen und wo gibt es etwas zu essen? Es stellte sich heraus, daß wir fachlich einem Herrn Professor Dr. Bergmann (oder Berghof?) unterstellt waren. Er war Bayer, sein Assistent Grieche. Diese beiden Herren kamen von der UFA in München und waren zuständig für die gesamte Technik, für die Funkverbindungen, für Ton und Beleuchtung. Diese Unterstellung von Marineangehörigen der DDR unter einen echten Bajuwaren dürfte bis zum 3. Oktober 1990 wohl einmalig gewesen sein. Wir kamen aber gut miteinander aus. Unterkunft war für uns auf einem der Kutter reserviert. Zwei Kulissenarbeiter, die sich dort eingenistet hatten, räumten friedlich die Kammer. Sie machten uns freundlicherweise noch darauf aufmerksam, daß morgens zwischen 6 und 7 Uhr immer einige Mädel des Diesterweg-Institutes zum Baden kämen. Splitterfasernackt! Wir sollten uns den prachtvollen Anblick ja nicht entgehen lassen. Haben wir auch nicht. Etwa 50 Mädchen dieses Putbuser Institutes waren in einem Zeltlager im Wald neben dem Schloß untergebracht. Sie sollten Statisten-Rollen übernehmen.
Nachdem wir noch mit weiteren kompetenten Leuten, mit einigen Schauspielern und schließlich auch mit dem Regisseur Hans-Anselm Perten Bekanntschaft geschlossen hatten, ging es endlich ans Werk. Wir besichtigten die Maschinenanlagen der beiden Koggen, die mit eigener Kraft manövrieren sollten. Der dritte Kutter sollte nur geschleppt werden. Die 18-Meter-Kutter waren durch entsprechende Aufbauten zu Schiffen der Hansezeit umgestaltet worden. Die Inspektion der Maschinen ergab ein recht umfangreiches Arbeitsspektrum. Die gesamte Kraftstoffanlage und das Schmiersystem waren zu reinigen, ebenso Einspritzpumpen und Düsen. Filter mussten komplett ausgewechselt werden. Alle für diese Arbeiten erforderlichen Ersatzteile lieferte die Bootswerft Stralsund. Einkäufer war der Grieche. So kam es, daß ich etliche Male mit NVA-Marineuniform in einen Opel Kapitän mit BRD Kennzeichen einstieg und neben ihm Platz nehmen durfte. Schließlich benötigte er einen fachkundigen Einkaufsberater.
Parallel zu unseren Reparaturen begannen nun jeden Nachmittag die Proben auf der Bühne. Jetzt erst erkannte man den enormen Aufwand der Spiele. Es gab etwa 250 Mitwirkende. Lediglich 20 davon waren echte Schauspieler. Die bereits genannten 50 Studentinnen sangen im Chor mit und bildeten das weibliche Volk in den Massenszenen, wo auch Ralswieker Einwohner mitspielten. Für das männliche Fußvolk und die Landsknechte kamen Soldaten aus Prora zum Einsatz. Die GST stellte die Reiterei und wir von KSS die Besatzungen für die Koggen, egal ob diese jeweils Handelschiffe waren, oder sich als Piraten Seeschlachten lieferten. Außer den Ralswiekern, den Studentinnen und uns drei Reparatur-Seeleuten wurden alle Kleindarsteller täglich per LKW angekarrt und wieder abgefahren.
Inzwischen waren unsere Bemühungen so weit gediehen, daß die Motoren gestartet werden konnten. Jetzt wurde es richtig spannend! Mit Hand wurden die Luftanlaß-Flaschen auf 30 atü gepumpt. Kraftstoffanlage entlüften! Start! Und es klappte auf Anhieb. Auf beiden Kuttern liefen die alten Bukau-Wulf Antriebsmaschinen ohne Beanstandungen. Auch die Hilfsdiesel HK-65, verantwortlich für die Stromversorgung an Bord, machten keinerlei Probleme. Nun konnten auch die Koggen und damit das KSS-Personal voll an den Proben teilnehmen. Neuer Liegeplatz der Kutter war nun dort, wo vorher die Ralswieker Zeesboote gelegen hatten. Diese Pier brauchten nicht nur wir, sondern später auch die Schiffe der Weißen Flotte, die mit zum Zuschauertransport eingesetzt waren. Das Umkleidezelt für unsere Leute befand sich unmittelbar vor dem Liegeplatz. Und weiter ging es nun Tag für Tag mit Proben, Proben, Proben.
Anfang Juli wurde es aufregend. Die Generalprobe stand bevor. Mit dem Einsatz aller Schauspieler und Statisten, mit der ausgezeichneten UFA-Technik, einem ausgeklügelten Funksystem zur gegenseitigen Information und mit den Mikroport-Anlagen der Schauspieler lief alles bestens ab. Zwar waren die Sender und Antennen dieser Anlagen am Körper der Schauspieler noch sehr groß, für die Massenszenen an Land und auf See unter dem Lärm der Imitationsmittel waren sie unverzichtbar, wenn man überhaupt ein Wort der Dialoge verstehen wollte. Entgegen aller Unkerei verlief die Erstaufführung genau so erfolgreich wie die Generalprobe. Es folgten herrliche Wochen. Selbst Petrus war von dem Spektakel so beeindruckt, daß er es zu keiner der vielen folgenden Aufführungen regnen ließ.
Die Handlung, die sich stark an Willi Bredels Roman „Die Vitalienbrüder“ orientierte, ist schnell erzählt. Als seiner Familie Unrecht geschieht, lehnt sich der junge Klaus dagegen auf. Nun wird er von den Bütteln der Mächtigen gejagt, muß seine Jugendliebe verlassen und sich verstecken. Schließlich landet er bei den Seeräubern, die sich Likedeeler nennen. Übersetzt man das ins Hochdeutsche kommt „Gleich-Teiler“ heraus. Die Beute wurde gerecht unter allen aufgeteilt. Den Piraten gefällt Klaus’ Aufsässigkeit gegen die Obrigkeit, seine Kraft und besonders seine Trinkfestigkeit. Den Namen Störtebeker (Stürz den Becher) erhält er nach einem Sieg in einem gewaltigen Saufduell. Fortan macht er mit seinen Kapitäns-Kumpanen Michael Gödecke und Magister Wigbold die Meere unsicher. Anfangs nutzt auch die Hanse die Piraten in ihrem Kampf um die Beherrschung der Ostsee und stattet sie mit Kaperbriefen aus. Mit tollkühnen Einsätzen versorgen die Seeräuber die Hafenstadt Stockholm mit Lebensmitteln (Viktualien). Daraus wird dann der Name Vitalienbrüder – so auch der Titel des Romans. Stockholm sympathisiert mit der Hanse und mit Mecklenburg und wird deshalb von der dänischen Königin Margarethe belagert. Nachdem die Hanse ihre Herrschaft gefestigt hat, möchte man die unbequemen Bundesgenossen loswerden. Die sind aber nicht bereit, ihre Freiheit aufzugeben. Die Hanse erklärt sie zum Freiwild und bekämpft die Piraten mit allen Mitteln. Gefangene werden grausam bestraft oder geköpft. Störtebeker und seine Kumpane machen ihrerseits Jagd auf die Kauffahrer der reichen „Pfeffersäcke“, wie sie die Kaufleute nennen. Direkte Gegenspieler Störtebekers werden die habgierigen und hinterlistigen Gebrüder Wulfram, Stralsunder Kaufleute und Ratsherren. Sie haben auch den Tod von Störtebekers Jugendliebe auf dem Gewissen. Es gelingt der Hanse lange nicht, die Piraten zu besiegen. Störtebeker wird zum Volkshelden. Sein Schlachtruf „Der Reichen Feind, der Armen Freund“ und das Verteilen von Beuteanteilen an die Ärmsten in den Fischerdörfern entlang der Küste macht ihn bei den einfachen Leuten immer beliebter. Ein Grund mehr für die Hanse, ihn auszuschalten. Mit Hinterlist gelingt das dann auch. Als Störtebeker schließlich auch die Nordsee heimsucht und reiche Beute macht, baut Hamburg im Auftrag der Hanse ein großes, stark bewaffnetes Schiff, die „Bunte Kuh“. Bei Nebel ankert Störtebeker in der Nähe der Insel Helgoland. Nachts bittet ihn ein Krabbenfischer am Heck anlegen zu dürfen. Das wird ihm gestattet. Auf dem kleinen Feuerchen, was auf seinem Boot zu sehen ist, kocht er aber keine Krabben, sondern verflüssigt Blei, das er dann in die Ketten des Ruders gießt. Die Hanse hat ihn dafür bezahlt. Als sich am nächsten Morgen der Nebel lichtet, greift die „Bunte Kuh“ an. Störtebekers Schiff ist manövrierunfähig. Er selbst und zwölf seiner Kameraden werden in dem ungleichen Kampf mit Netzen gefangen. In Hamburg werden alle zum Tode durch das Schwert verurteilt. Die Sage berichtet, daß der Scharfrichter Störtebeker einen letzten Wunsch gewährte. Er soll daraufhin gebeten haben, daß alle diejenigen seiner Kumpane am Leben bleiben sollen, an denen sein Körper ohne Kopf noch vorbeischreitet. Höhnisch stimmt der Scharfrichter zu. Doch tatsächlich setzt sich der kopflose Körper in Bewegung und taumelt die Reihe der Deliquenten ab. Erst als ihm der verdutzte Scharfrichter ein Bein stellt, stürzt er endgültig. Geköpft wurden aber trotzdem alle Piraten. Die Romanvorlage lieferte also einen sehr reichhaltigen Stoff für allerlei Spektakel.
Bei der Aufführung fehlte selbst die Darstellung des Köpfens nicht. Dazu waren auf einer Holzwand die aus Plaste nachgestalteten Häupter der Hinzurichtenden klappbar montiert. Die Deliquenten wurden von den Bütteln hinter die Wand geschleift – die Köpfe klappten hoch. Der Scharfrichter versah sein blutiges Werk – der jeweilige Kopf wurde abgeklappt.
Die Mitwirkenden waren wie eine große Familie. Unsere Verbindung zum Regisseur, zu den Technikern und zu den Hauptdarstellern war ausgezeichnet. Tägliche Auswertungen und Absprachen waren unerlässlich. Jeden Abend saß ich nach der Vorstellung mit in der einzigen Kneipe von Ralswiek, wo Herr Perten jede Aufführung analysierte. Es ging äußerst locker zu. Erfahrungen wurden ausgetauscht, Wünsche geäußert und kleinere Veränderungen getroffen. So baten die Hauptdarsteller darum, die Wanten, das heißt, die dazu dienenden Strickleitern auf den Koggen, etwas straffer zu spannen. Gegen eine Lage Bier und Schnaps waren wir schließlich auch dazu bereit.
Natürlich lief es nicht bei jeder Vorstellung ganz glatt. So fiel die Schauspielerin Christine von Santen beim Einreiten in den Bühnenbereich einmal vom Pferd. Ab sofort musste das Pferd in dieser Szene geführt werden. Auch bei den Seepiraten ging nicht alles gut ab. So war es notwendig, die Koggen in einer Szene nach dem Anlegen zu drehen. Das passierte mit eigener Maschinenkraft unterstützt durch ein Verholkommando mit Leinen auf der Pier. Die Maschine lief und unter lautem Rufen „Hamburg – Wismar – Rostock – Stralsund“ wurde im Rhythmus an den Leinen gearbeitet. Irgendwie kam aber eine Leine in den Propeller und wickelte sich um die Schraubenwelle. Peinlich! Die Kogge hätte nicht mehr manövrieren können. Nach echter Piratenmanier sprangen nacheinander einige mit dem Messer zwischen den Zähnen in den Bach und schnitten die Welle frei. Die Zuschauer haben bestimmt gedacht, auch das gehöre zum Stück. Ein weiterer unliebsamer Vorfall: Ein Offizier der Seestreitkräfte (Name: Borowski – er diente später in der 4. Flottille) wollte unbedingt einen Kanonenschlag in der Luft detonieren lassen. Er hatte aber die Zündverzögerung falsch eingeschätzt und der Sprengsatz detonierte schon in der Hand. Ein Finger war futsch. Die Regie reagierte. Ab sofort waren nur noch mit Batterie gezündete Kanonenschläge erlaubt. Sicherheitshalber wurden diese paarweise an der Reeling festgebunden und hingen so außenbords. Nun konnte damit nichts mehr passieren und es waren keine weiteren Fingerverluste zu beklagen.
Vor jeder Seeschlacht mussten sich unsere Leute kostümieren. Im Umkleidezelt lagen für jeden Teilnehmer die Hanseatische Tracht, Hauben, Helme, Schilde, Schwerter und Enterbeile bereit. Es war schon ein eindrucksvoller Haufen, diese bewaffnete Horde. Jede Kogge war mit 20 – 25 Kämpfern besetzt. Während der Annäherung an die „Küste“ und während der Schlacht wurden die Koggen mit Scheinwerfern angestrahlt. Schließlich gingen die beiden fahrbereiten Koggen in Höhe der Bühne längsseits. Die dritte Kogge schaffte das mit Hilfe einer Schleppleine. Dann sprangen die Piraten an Land und das Gemetzel mit den Landsknechten der Hanse ging los. Jeder brüllte, was die Kehle hergab. Schwerter und Enterbeile knallten auf die Schilde der Gegner. Böller, Blitzknaller und rotes Feuer in Metallschalen an Deck der Koggen machten das ganze komplett. Alles wirkte echt und für den Zuschauer äußerst beindruckend. Manchmal wurde dabei auch übertrieben. So wurden die Blitzknaller zuletzt nicht mehr einzeln per Hand gezündet, sondern einfach im Päckchen in die Metallschalen mit dem Rotfeuer geworfen. Das klang dann nicht mehr nach Musketenschuß sondern eher wie MG-Feuer.
Ich möchte hier nur kurz einflechten, daß ich an der Aufführung von 1960 als Berater teilnahm. Das Versenken einer Kogge sollte wirkungsvoll in das Stück eingefügt werden. Dazu wurde an einem Floß die Silhouette einer Kogge angebracht. Sie ließ sich vom Floß lösen und war mit Bleigewichten beschwert. Die Seeschlacht begann. Die „Kogge“ erhielt Treffer und geriet in Brand. Rotes bengalisches Feuer auf dem Floß lieferte die eindrucksvolle Illumination dazu. Die hinter der Silhouette versteckten Männer lösten diese aus der Befestigung und ließen sie langsam tiefer in das Wasser gleiten. Nur ein Teil der Aufbauten ragte so noch aus dem Wasser. Irgendwo mussten sich die Männer schließlich verbergen. Der Zuschauer aber hatte wirklich die Illusion, daß hier ein ganzes Schiff versinkt.
Doch zurück zum Jahr 1959. Nach den vielen Aufführungen wurden allmählich die Requisiten knapp, denn bei den heftigen Kämpfen ging viel Ausrüstung zu Bruch oder über Bord. Zuletzt war es schon schwierig, alle Kämpfer mit Schild, Schwert oder Enterbeil auszurüsten. So gesehen, war es den Requisiteuren bestimmt recht, daß sich die Spielsaison ihrem Ende zuneigte. Trotzdem tat es allen Teilnehmern weh, daß diese schöne Zeit nun bald vorbei sein sollte. Die letzte Vorstellung war gelaufen. Es folgte ein unvergessliches Abschiedsfest auf der Bühne für alle Mitwirkenden mit Essen und Trinken bis zum Abwinken. Einem unserer Offiziere war es gelungen, eine ganze Kiste mit Signalmunition zu besorgen. So wurde aus mehreren doppelläufigen Signalpistolen ein privates Feuerwerk in den Himmel geschossen, bis die Läufe glühten. Ich selbst erhielt als persönliches Erinnerungsgeschenk ein von Hans-Anselm Perten signiertes Rollenbuch. Es ist später einmal zu Hause meinen Jungs in die Hände gefallen und seitdem leider verschollen.
Ja, so war das damals mit KSS und Störtebekers Piraten.
— Wolfgang Jänecke
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