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Wappen der Marinekameradschaft KSS e.V. Warnemünde: Anker mit LorbeerkranzDie Geschichte von KSSKüstenschutzschiffe der Volksmarine 1956–1990
Amüsantes

Mißverständnis

Bei einem Flottenmanöver soll das KSS „Karl Marx“ auf das Stichwort „Atomschlag“ einen Ausfall imitieren. Als der Kommandant beim Abfragen der Befehlsstände das Stichwort selbst ausspricht, löst der Leitende Ingenieur im Lärm des Turbinenraumes verfrüht die gesamte Einlagenkette aus.

Das KSS „Karl Marx“ nimmt an einem gemeinsamen Flottenmanöver teil. Geleitsicherung am Tage ist angesagt. Vom Führerschiff aus beobachten hohe Stabsoffiziere mit Ferngläsern alle Übungsteilnehmer. Entsprechend nervös kontrolliert „Brummi“, wie der Kommandant von der Besatzung genannt wird, daß sein Schiff die zugewiesene Sicherungsposition genau einhält und der Maschinenabschnitt die Kessel rauchlos fährt. Die Sicht ist klar. Nicht das kleinste Rauchwölkchen am Himmel darf dem Übungsgegner vorzeitig die Geleitposition verraten.

Für die „Karl Marx“ ist noch eine Sonderaufgabe geplant. Auf das Stichwort „Atomschlag“ vom Führerschiff soll es einen Ausfall imitieren und die Hilfe anderer Schiffe für die Brand- und Leckbekämpfung und für die Bergung Geschädigter in Anspruch nehmen. Damit das ganze gefechtsnah aussieht, ist an Bord eine Kette von Einlagen vorgesehen. Schon äußerlich soll erkennbar sein, daß das KSS in Schwierigkeiten ist und seine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Als Auslöser der Einlagen an Bord wird der LI auf das Stichwort „Atomschlag“ das Überdruckventil der Kessel und den Dampfheuler betätigen. Beide Geräusche sind schmerzhaft laut und auf dem gesamten Schiff nicht zu überhören.

Die Atmosphäre an Bord ist angespannt. Da der Auflösepunkt des Geleites bald erreicht ist, muß die Ausfallepisode unmittelbar bevorstehen. Die Einlagen sind an Bord x-mal durchgesprochen. Trotzdem will sich Brummi noch einmal überzeugen, daß alles gut vorbereitet ist und fragt die beteiligten Befehlsstände ab, zuletzt die Maschine. Die Verständigung läuft über ein Kurbeltelefon und ist wegen der Nebengeräusche im Turbinenraum wie immer ziemlich schwierig. Laut zählt der LI seine reihenfolglichen Handlungen auf. Brummi ist zufrieden, begeht dann aber einen folgenschweren Fehler. Er beendet das Gespräch mit den Worten: „Diese Maßnahmen aber erst auf Stichwort Atomschlag!“ In dem Lärm auf dem BS-V versteht der LI nur noch eines: das lang erwartete Stichwort. Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Entsetzt und ohne zu ahnen, daß er selbst der Urheber ist, muß Brummi registrieren, was auf seinem Schiff noch während der Geleitsicherung innerhalb kürzester Zeit passiert: Mit ohrenbetäubendem Zischen bläst das Überdruckventil eine Dampfsäule hoch in den Himmel und macht jede Verständigung unmöglich. Damit ist das Brückenpersonal zur Tatenlosigkeit verdammt. Fetter, schwarzer Qualm rußt aus dem Schornstein. Dazwischen jault laut der Heuler. Auf diese Signale hat der Gehilfe des Kommandanten (I.WO), der sich bereits auf der Schanz aufhält, nur gewartet. Er zündet die Nebeltonnen und sofort zieht das Schiff außer der schwarzen noch eine dicke, weiße Rauchfahne hinter sich her. Wie eingewiesen, läßt der GA-II-Kommandeur die Stabilisation des „Wackeltoppes“ (Feuerleitstand über der Brücke) abschalten, worauf dieser schräg abkippt. Die 100mm-Geschütze fahren aus dem zugewiesenen Sicherungssektor. Unmilitärisch zeigen ihre Rohre in verschiedene Richtungen und Höhen. Überall auf dem Schiff liegen Besatzungsangehörige herum, die die Rolle von Geschädigten spielen und die vorher zugewiesenen Plätze eingenommen haben.

Auf dem Führerschiff scheint man erst einmal sprachlos zu sein. Brummi hat sich gefaßt und will das Tohuwabohu stoppen. Verzweifelt dreht er an der Kurbel des Telefons. Endlich meldet sich der LI. Bevor Brummi zum Sprechen ansetzen kann, zischt wieder gellend das Überdruckventil los. Verständigung unmöglich! Resigniert hängt der Kommandant das Telefon ein. Endlich gibt das Ventil Ruhe. Sofort hat der Kommandant den Hörer wieder in der Hand. Diesmal läßt der Heuler keine klare Verständigung zu. Brummi - immer noch in der irrigen Annahme, daß die Auslösung des Durcheinanders andere Ursachen haben muß - schreit in das Telefon: „Ist das nötig?“ Der LI glaubt, das Wort „möglich“ verstanden zu haben. Vermutlich will der Kommandant wissen, ob der GA-V die Einlagen durchhalten kann. Der LI brüllt zurück: „Ja, das ist möglich!“ Und erneut bläst das Überdruckventil Dampf ab, was das Gespräch abrupt beendet.

So hat die Brückenbesatzung ihren Kommandanten noch nie gesehen. Im seinem orangefarbenen Kampfanzug See, der ihn noch etwas fülliger macht, den Telefonhörer in der Hand, tanzt er wie Rumpelstilzchen auf der Stelle und kann nur stammeln: „Warum ich? Warum ausgerechnet ich?“

Stolz wie ein Spanier erscheint schließlich der LI auf der Brücke. Unterwegs konnte er sich schon davon überzeugen, daß an Oberdeck alle vorgesehenen Einlagen planmäßig ablaufen. Jetzt möchte er sich ein kleines Lob für die gute Ausführung des Startsignales sowie der Qualm-, Dampf- und Lärmspiele des GA-V einholen. Ein kurzer, heftiger Wortwechsel mit dem Kommandanten und blitzschnell verschwindet der LI wieder von der Brücke. Wenig später setzt das Schiff seine Sicherungsaufgaben im Geleit brav fort.

Große Belobigungen soll das KSS „Karl Marx“ aus diesem Manöver nicht eingeheimst haben.

— Hans Steike

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