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title: "Einsatz im Überseehafen"
autoren: ["Klaus Martin"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 10"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Rostock", "Karl Marx"]
zeitraum: "1980"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t10-einsatz-im-ueberseehafen"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Einsatz im Überseehafen

> Klaus Martin schildert den Arbeitseinsatz von Besatzungsteilen des KSS „Rostock“ und Flottenschülern aus Parow im Rostocker Überseehafen im Herbst 1980, als wegen der Streiks in Polen zusätzliche Schiffe in DDR-Häfen gelöscht wurden: Bananenumpacken, Sackgut, Schüttgutpier und das nächtliche Umladen von „Radeberger Export“ für Aden.

Leider sind diesmal weniger „Eckdaten“ vorhanden als bei meinem Erntebericht von 1977. Wahrscheinlich hat sich dieses Ereignis nicht ganz so toll eingeprägt. Trotzdem war der Hafeneinsatz auch ein Erlebnis, das ich nicht vergessen kann.

Es muss im Herbst 1980 gewesen sein, das KSS „Rostock“ lag in der Werft und deshalb war es möglich, einen großen Teil der Besatzung für eine „Spezialaufgabe“ freizustellen. Zu dieser Zeit streikten in Polen die Hafenarbeiter und die Häfen der DDR übernahmen deshalb die Entladung vieler zusätzlicher Schiffe, die Waren für Polen an Bord hatten, die dann über den Landweg dorthin kamen. Demzufolge gab es in den DDR-Häfen viel mehr zu tun. Und da kam die Volksmarine ins Spiel. Ungefähr 100 Mann erhielten die Aufgabe, im Rostocker Überseehafen als fleißige Arbeitskräfte auszuhelfen. Von der „Rostock“ wurden dafür zwei Trupps unter Leitung von Kapitänleutnant Rolf Block und mir abgestellt, die anderen beiden Trupps kamen von der Flottenschule Parow. Wir sollten vollständig in das 4-Schicht-System des Hafens eingebunden werden. Man informierte uns, dass keiner von unseren Matrosen auf einem polnischen Schiff eingesetzt wird, sondern die Hafenarbeiter ersetzen sollen, die dafür abgestellt wurden – bestimmt eine politische Entscheidung, um uns nicht als „Streikbrecher“ bloßzustellen. Dann wurde es konkreter: Information über das Schichtsystem des Hafens – jeweils zwei Tage Nachtschicht, Spätschicht. Frühschicht und frei. Jeder unserer Trupps wurde einem Schichtleiter unterstellt, der die Einteilung der Arbeitskräfte organisierte und mit dem wir dann die ganze Zeit zusammen waren. Gemeinsam ging es immer während der Schicht zu den im ganzen Hafen aufgeteilten Arbeitsplätzen. Und von denen gab es im Überseehafen eine ganze Menge – abwechslungsreiche, aber auch körperlich anstrengende und teilweise schmutzige. Nach einer Einweisung in den Arbeitsablauf einer ausführlichen Arbeitsschutzbelehrung und der Ausgabe gelber Arbeitsschutzhelme begann das etwas andere seemännische Abenteuer.

Jede Schicht startete aus dem Stützpunkt Warnemünde – die Jungs von der „Rostock“ waren meiner Erinnerung nach auf der ehemaligen „Karl Marx“ untergebracht, die als Wohnschiff fungierte, die Flottenschüler auf einem „richtigen“ Wohnschiff. Mit einer Barkasse ging es über den Breitling zu einem Anleger ins Hafenbecken „A“ und danach in einen großen Aufenthaltsraum, wo bereits der Schichtleiter mit einigen Hafenarbeitern wartete, die dann ihre angeforderten „Schäfchen“ erhielten und diese zu den einzelnen Arbeitsplätzen mitnahmen.

Beliebt und begehrt war eine Halle am Hafenbecken „B“, wenn dort ein Kühlschiff angelegt hatte. Und das nicht nur wegen dem da arbeitenden weiblichen Personal, sondern auch wegen den dort umgeschlagenen Südfrüchten. Sehr interessant war das Umpacken der Bananenstauden – jede Staude wurde aus der Folie ausgepackt und begutachtet, um Stauden mit bereits einer zu gelben Banane auszusortieren und nur noch die komplett grünen für die Weiterfahrt nach Berlin zu „genehmigen“. Diese hatten so noch ein paar Tage zum Reifen und konnten dann schön gelb die Hauptstädter erfreuen. Die Aussortierten kamen in den hafeneigenen Verkaufsladen. Wie mir mein Schichtleiter erklärte, bezweckte man damit auch, die Gemüter der Hafenmitarbeiter zu beruhigen, um nicht polnische Verhältnisse heraufzubeschwören. Beim Auspacken der Bananenstauden wurde jeder Neuankömmling von den Frauen immer auf Vogelspinnen und giftige Vipern hingewiesen, die einigermaßen aufgewärmt wieder aktiv werden könnten. Beweisen konnten sie es nicht, hätten es aber schon mal gehört. Trotzdem wurden viele der bereits ausgereiften Bananen gleich vor Ort verkostet und nach einiger Zeit konnten auch meine dort arbeitenden Jungs das Wort „Banane“ nicht mehr hören. Aber es wurde ja auch an die anderen gedacht und so glich die uns zum Schichtende abholende Barkasse manchmal mehr einem „Bananendampfer“. Das war zwar illegal, wir wurden ja nicht wie alle anderen beim Hafenverlassen kontrolliert, aber es diente ja einem guten Zweck! Umso trauriger waren die Jungs, als sie sahen, wie bei der Entladung von Zitrusfrüchten und deren Beladung in die Waggons mit dieser wertvollen Fracht umgegangen wurde. Das aus beschädigten Kisten herausgefallene Obst wurde gnadenlos von den Gabelstaplern zermatscht und es fand sich niemand, der für das Aufsammeln Zeit hatte. Alles musste sehr schnell gehen und so waren diese Verluste eingeplant, auch wenn das für uns unbegreiflich erschien.

Kräftezehrender war die Entladung jeglicher Art von Sackgut. Drei bis vier Mann bekamen die Aufgabe, tief unten in den Laderäumen die meist 50 kg schweren Säcke auf eine Palette zu stapeln, die der Kran dann vollbeladen nach oben hievte. Ausgerüstet mit einem Sackhaken wurden die Säcke aus jeder noch so entfernten Ecke zur Laderaummitte gezogen, was nach einer Schicht mit einem kräftigen Muskelkater belohnt wurde. Deshalb war diese Arbeit auch nicht so beliebt und ich habe versucht, bei der Arbeitsverteilung jedem meiner Männer mal diese andere Art der „militärischen Körperertüchtigung“ zu gönnen. Zur Abwechslung wurden andere Schiffe auch mit Sackgut beladen, da ging es andersrum – die Säcke von der Laderaummitte in jede Ecke zerren und ordentlich verstauen, nur der Muskelkater war der gleiche.

Noch „beliebter“ waren die Einsätze am Schüttgutpier. Je nach Art des Schüttguts kamen meine Männer nach Schichtende entweder schwarz (Kohle), braun (Erz) oder weiß (Düngemittel) bepudert wieder und hatten auch immer großen Durst. Hier half nur die Aussicht der derart Geplagten, dass sie dafür beim nächsten Mal wieder in die helle Halle mit den Südfrüchten und lustigen Frauen eingeteilt wurden.

Mit der Zeit kannte ich mich mit Hilfe meines Schichtleiters nicht nur in jedem Hafenwinkel aus, sondern erfuhr auch viel Interessantes über das Hafenleben. Und da zu den Aufgaben eines Schichtleiters auch der Besuch auf den zu löschenden oder beladenen Schiffen gehörte, war ich natürlich auch dort dabei. So saß ich öfters in einer Kapitänskajüte und konnte ein bisschen von den weltweiten Erlebnissen aus der christlichen Seefahrt erfahren. Dass dabei auch ein guter Tropfen aus dem Flaschenbestand des Kapitäns dazugehörte, der größtenteils zur Bewirtung (Bestechung) von Zöllnern in aller Welt diente, kann ja jetzt erzählt werden.

Als eines Tages das MS „Radeberg“ an einem Pier festmachte, stellte ich leichte Unruhe bei den Hafenarbeitern fest. Es musste ja dazu einen Grund geben. Und was für einen! Zur Freude meiner Schicht traf es uns, als an einem späten Abend ein Güterzug aus Radeberg mit einer sehr wertvollen Fracht einrollte, die für Aden bestimmt war. Und für das Umladen wurden zuverlässige Kräfte gebraucht. So fiel die Wahl auch auf mich und meine Männer. Aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen waren die Bierflaschen mit „Radeberger Export“ in den Eisenbahnwaggons nur in Sechserpack-Kartons aufgestapelt und mussten nun in geeignete Gitterboxen für den Seetransport umgeladen werden. Die Schiffsoffiziere der „Radeberg“ liefen von Waggon zu Waggon und baten darum, bei eventuell auftretenden Bierdurst nur die Flaschen aus bereits aufgerissenen Kartons zu benutzen, um nicht noch mehr Verluste zu haben, denn die Empfänger in Aden erkannten nur intakte Kartons an. Vermutlich hatte der Zug schon einige Haltepunkte hinter sich und der Inhalt war auch den Eisenbahnern bekannt, jedenfalls tauchten beim Umladen schon mehrere leicht beschädigte Kartons auf, die dann zum „Eigenbedarf“ umfunktioniert wurden. Wie viele der Kartons dann auch noch im Hafen ein Loch bekamen, entzieht sich meiner Kenntnis, aber so viel Hafenarbeiter wie in dieser Nacht hatte ich bis dahin noch nie auf einem Schiff gesehen. Und dass auch wir keine Engel waren, zeigte sich zum Schichtende, wo jeder dann mit seiner eigenen Fahne die Barkasse enterte. Leider gab es für uns nur ein einziges Mal diese Spezialaufgabe, wo alle gemeinsam eingesetzt wurden und damit auch noch sehr zufrieden waren.

Durch die rollende Schicht verging die Zeit im Hafen sehr schnell und bald endete auch dieses Abenteuer. Nach einem sehr herzlichen und angenehmen Empfang der Verantwortlichen mit ihren Betreuern beim Hafenkapitän hatte uns der maritime Alltag wieder.

— Klaus Martin
