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title: "Auf KSS 1-62"
autoren: ["Ulrich Korn"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 10"
projekte: ["50"]
schiffe: ["1-62", "1-61", "Karl Marx"]
zeitraum: "1958"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t10-auf-kss-1-62"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Auf KSS 1-62

> Ulrich Korn erinnert sich an den Beginn seiner KSS-Zeit 1958 als Kommandeur des GA-I auf KSS 1-62: die Positionslaternen-Episode mit dem sowjetischen Berater, das rätselhafte Verschwinden des GA-IV-Kommandeurs „Seppel“ Leder in einem Spionagefall, das ungeplante Bankett beim sowjetischen Standortältesten in Rostock am Tag der Sowjetarmee und die Feier zum Tag der NVA mit „Kuddel“ Hollatz im „Haus der Armee“.

Am 01. Januar 1958 wurde ich als Kommandeur des GA-I auf das KSS 1-62 versetzt. In meiner dienstlichen Entwicklung begann damit ein neuer Abschnitt. Ich möchte ihn als meine KSS-Periode bezeichnen. Diese Zeit auf Küstenschutzschiffen war sicher die prägendste in meiner fast 40jährigen Dienstzeit bei der Nationalen Volksarmee und ihren Vorläufern. Sie hat auch meine weitere Entwicklung wesentlich beeinflusst. Heute noch treffen sich ehemalige „Küstenschutzschiffer“ und erinnern sich schwärmend an vergangene Zeiten. Es war - nicht nur für mich - die schönste Zeit meiner Jugend.

*Abbildung (Teil 10, S. 25): KSS 1-62 (Quelle: H. Bechert, Foto: H. Franke)*

Zunächst hatte ich Gelegenheit während der Werftliegezeit meine Aufgaben auf dem Schiff gründlich zu studieren und meinen GA-I (Navigations-Gefechtsabschnitt) für die kommenden Seefahrten fit zu machen. Dabei fällt mir folgende Episode ein, die ziemlich deutlich die Stellung unserer Marine in der damaligen Zeit zeigt: Der Seehydrographische Dienst (SHD) der DDR war auch zuständig für die richtige Ausstattung der Schiffe mit Positionslaternen. Während der Werftliegezeit überprüften seine Leute auch unsere Laternen und stellten fest, dass die russische Originalausstattung nicht unseren Normen entsprach. In Absprache mit den Kommandanten wurden also alle Laternen gegen DDR-Produkte ausgewechselt. Als das der für uns zuständige sowjetische „Berater“, Kapitän Ognjew, mitbekam, muss er interveniert haben und der Urzustand musste wiederhergestellt werden!

In diese Zeit fällt auch ein Ereignis, das ich heute noch nicht ganz verstehen kann. Eines Morgens kam unser GA-IV Kommandeur „Seppel“ Leder nicht aus dem Urlaub zurück. Allgemeines Rätselraten führte zu keinem Ergebnis, auch als „Seppel“ in der nächsten Zeit nicht wiederkam. Man ließ uns Offiziere und auch die Mannschaft völlig im Unklaren. Das förderte die Gerüchteküche. Langsam sickerte durch, dass „Seppel“ in einen Spionagefall verwickelt war, bei dem sein Schwager, der auf der Neptunwerft arbeitete, eine Hauptrolle spielen sollte. Er hätte Angaben über unser Schiff gemacht, die irgendwo im Westen gelandet wären. Es soll dann auch ein Prozess stattgefunden haben und eine Verurteilung erfolgt sein. Genaues weiß ich bis heute nicht. Man machte aus der Sache so ein Geheimnis, dass es mehr Unklarheiten als Wahrheiten gab. Ob von der Schiffsführung jemand mehr wusste, kann ich nicht sagen. Jedenfalls war es schon irgendwie unheimlich, dass jemand, der noch vor kurzem mit uns an der Back saß, so urplötzlich weg war und niemand von uns etwas Genaues wusste.

Am 23. Februar, am „Tag der Sowjetarmee und –flotte“, wurden Manfred Röseberg (Waffenleitoffizier auf der 1-61) und ich beauftragt, die Grüße der KSS an die sowjetische Flotteneinheit, die auch in der Werft lag, zu überbringen. Manfred war gerade von einem längeren Lehrgang in der SU zurückgekehrt und sprach sehr gut Russisch. Deshalb hatte man ihn wohl ausgesucht. Da die russischen „Morjaks“ aber an der großen Standortveranstaltung teilnahmen, mussten wir auch dorthin, um unseren Auftrag zu erfüllen. In einem großen Kulturhaussaal fand diese statt und wir saßen zwischen vielen anderen Gästen aus der Stadt und vom Bezirk. Eine Glückwunschrede folgte der anderen und so beschlossen wir, Manfred müsse auch auf die Bühne und reden sowie unseren Strauß übergeben. Tosender Beifall nach seinen in Russisch gesprochenen Worten und eine Einladung zum Bankett des russischen Standortältesten waren die Folge. Irgendwer nahm uns mit in eine Villa mitten in der Stadt, wo der russische Oberst residierte. Wer einmal an einem russischen Bankett teilgenommen hat, weiß was nun folgte. Viel gutes und fettes Essen (ich habe dort das erste Mal in meinem Leben Spanferkel gegessen) und Tost auf Tost und immer große Gläser. Wir versuchten uns soweit es ging zurückzuhalten. Neben uns saß ein älterer Herr, den wir bald als Hans Warnke, Vorsitzender des Rates des Bezirkes Rostock identifizierten. Er unterhielt sich mit uns, wollte wissen, wer wir waren, wer uns beauftragt hatte und vieles Andere. Als er mitbekommen hatte, wie wir hierher gekommen waren, lachte er nur und meinte, wir sollten den Abend genießen. Er hätte schon gedacht, der Verner sei schon so überheblich geworden, zwei Leutnants zu einem solchen Anlass zu schicken. Wen der aber wohin geschickt hatte, wussten wir natürlich auch nicht. Höhepunkt des Abends war dann die Ankündigung des Standortältesten, dass die Garnison infolge von Abrüstungsvereinbarungen Rostock in Kürze verlassen würde. Nochmals Reden, Toste und fröhlicher Gesang. Da es uns langsam brenzlig wurde, verließen wir nach kurzer Verabschiedung vom Gastgeber und Hans Warnke das Haus. Wie wir wieder auf das Schiff kamen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls haben wir oft über unsere unverdiente Ehre gelacht.

*Abbildung (Teil 10, S. 26): Uli Korn, hier bereits als Gehilfe des Kommandanten. Quelle: Dieter Gaasenbeek*

Ein Höhepunkt war für uns immer der Tag der NVA am 1. März jeden Jahres. Ich erinnere mich noch gut an einen Jahrestag – es könnte 1958 gewesen sein und beide KSS lagen noch in Rostock in der Werft. Jedenfalls gingen nach Abschluss aller offiziellen Feierlichkeiten an diesem Abend einige Offiziere beider Schiffe gemeinsam „an Land“. Mit dabei war auf alle Fälle mein Freund Uli Mädel. Erster Anlaufpunkt war wie immer die „Trocadero-Bar“. Dort trafen wir auf „Kuddel“ Hollatz, der schon einigen Vorsprung beim Feiern hatte. Wir versuchten diesen aufzuholen. Ich weiß nicht mehr, wer dann die Idee hatte, noch weitere Lokalitäten mit unserem Besuch zu beehren. Wir landeten dann vor dem „Ständehaus“, das jetzt „Haus der Armee“ war. Hier feierte die ganze Prominenz der Seestreitkräfte, angefangen vom Chef der Truppe, mit ihren Frauen den Tag der NVA. Für uns fand sich keine Plätze mehr, da diese sicher vorher bestellt waren. Kuddel meinte dann unüberhörbar: „Kommt Jungs, hier ist kein Platz für „Linienschweine“, hier feiern nur die „Stabskacker“. Nun wollte man uns möglichst schnell los werden und es entspann sich ein heftiger Disput; wir sollten gehen, wollten aber nicht. Als man Kuddel als den „Rädelsführer“ gewaltsam hinausbugsieren wollte, standen wir jungen Springer alle schützend um ihn herum. Es wäre beinahe zu einer schönen Prügelei wie aus alten Offiziersschülerzeiten gekommen. Dann obsiegte aber der Rest unserer Vernunft und wir zogen schimpfen ab. Ich habe nie gehört, ob es irgendwelche Konsequenzen danach gab. Für uns „kleine Lichter“ jedenfalls nicht.

— Ulrich Korn
