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title: "Kohle, Schnee und Blaue Jungs"
autoren: ["Thomas Weckend"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 7"
projekte: ["1159"]
zeitraum: "1978–1979"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t07-kohle-schnee-und-blaue-jungs"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Kohle, Schnee und Blaue Jungs

> Thomas Weckend, damals Maatenschüler in der Raketentechnischen Abteilung 4 (RTA-4), berichtet vom Katastropheneinsatz nach dem Wintereinbruch zum Jahreswechsel 1978/79: Schneeräumen auf der Autobahn, Freischaufeln der Gleise und der Drehscheibe im Rostocker Überseehafen und ein dreiwöchiger Einsatz auf dem VEB Kohlenhof Rostock, bei dem Briketts mit W-50-LKW an Rostocker Haushalte ausgefahren wurden. Er beschreibt die Dankbarkeit der Bevölkerung und den Zusammenhalt des Kollektivs. Im Inhaltsverzeichnis der Broschüre unter „Katastropheneinsatz“ geführt.

> Anmerkung der Redaktion: Die Raketen-Technische Abteilung 4 (RTK-4) war für die Sicherstellung der KSS Pr. 1159 mit Raketen RZ-13 verantwortlich. Das betraf die Lagerung, Wartung und Übergabe/ Übernahme der nicht ständig an Bord gefahrenen Kampfsätze. Thomas ist Mitglied unserer Kameradschaft.

Im Herbst 1978 kam ich zur Volksmarine und nach der Grundausbildung in Stralsund wurde ich gleich zur Spezialausbildung in die Raketentechnische Abteilung 4 (RTA-4) versetzt, da eine Spezialausbildung für die RZ-13- Raketen der KSS Pr. 1159 nur dort durchgeführt werden konnte. Nachdem ich mich die ersten Wochen neben der militärischen Grundausbildung mit Reinschiff und Wandzeitungen beschäftigen musste, da meine Freigabe für die Spezialbewaffnung durch das MfS noch nicht erfolgt war, begann im Dezember die Ausbildung an der Technik. Aber da Weihnachten nahte und ich als Maatenschüler nicht zu den Feiertagen in Urlaub durfte, musste ich auch noch mein bisschen Resturlaub sausen lassen.

Dann also kam Weihnachten und nach den Feiertagen kamen Sturm, Schnee und Eis. Zu Silvester traf der große Wintereinbruch die Küste mit voller Wucht. Wie alle Einheiten der NVA im Küstenbezirk wurden wir sehr schnell bei den Hilfsarbeiten zur Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung eingesetzt. Ich kann mich erinnern, dass mein erster Einsatz an der Autobahn (A19) erfolgte. Dort sollten wir zusammen mit anderen in und um Rostock stationierten Einheiten aller Waffengattungen die Fahrbahnen vom Schnee befreien. Wir waren auf Höhe des jetzigen Autobahnkreuzes A19/A20 eingesetzt und vor uns lag eine große weiße Ebene voller Schnee. Kameraden aus der Region sagten uns, dass die Strecke an dieser Stelle sehr wellig und hügelig sei. Davon war nichts mehr zu sehen. Zum Glück hatten wir Unterstützung durch schwere Technik, so dass wir relativ gut mit der Räumung vorankamen. Zumindest kam man dabei nicht ins Grübeln, weil ich die Feiertage ja fernab von Freundin und Familie hatte verbringen müssen. An eine Aufrechterhaltung der Gefechtsbereitschaft war unter den Umständen nicht mehr zu denken, aber das war wohl nirgends möglich. Erst nach und nach trudelten die Urlauber aus den Bezirken wieder ein, da die Verkehrsmöglichkeiten mit Bahn und Bus nur sehr schleppend wieder normalisiert werden konnten.

Nach dem ersten Einsatz an der Autobahn wurden wir für mehrere Tage in den Rostocker Überseehafen gerufen, um die Gleise der Güterzüge, die ja das ganze Land mit Waren aus dem Hafen versorgen sollten, von Schneeverwehungen zu befreien. Man kann sich das so vorstellen, dass etwa zehn Mann unmittelbar vor einer (zumeist) Dampflok mit Güterwagen her schaufelten, um Schienen und besonders die Weichen von Schnee und Eis zu befreien. Und das bei anhaltendem Schneesturm. Eine Weiche frei, Zug drüber. Zweite Weiche frei, Zug hinterher. Dritte Weiche frei und Zug durch, aber die erste Weiche war schon wieder mit Schnee zugeweht. Der Höhepunkt kam aber erst, als wir die Piers erreichten und man uns mitteilte, dass die dort befindliche zwei Meter tiefe und vom Schneesturm völlig zugewehte Drehscheibe dringend benötigt wurde. Hier wurden die Loks gedreht, damit sie wieder Züge aus dem Hafen ziehen konnten. Zusammen mit Arbeitern aus dem Überseehafen und einem Trupp Reservisten, die es zu ihrer Freude auch dorthin verschlagen hatte, haben wir also stundenlang diese Anlage frei geschaufelt.

Ich glaube, wir waren vier bis fünf Tage im Hafen eingesetzt. Wie ich aus alten Artikeln der Ostseezeitung von Anfang Januar 1979 entnommen habe, waren demnach zuerst 40, später dann bis zu 200 Mann NVA und Volksmarine hier im Einsatz. Nachdem sich das Wetter wieder etwas beruhigt hatte, ging es zurück ins Objekt und der normale Dienstbetrieb wurde aufgenommen. Auch hier stand der Schnee bis zu 1,20 Meter hoch und es gab noch viel zu tun.

Ungefähr um den 10. Januar herum erreichte ein Hilferuf des VEB Kohlenhof Rostock das Kommando der Volksmarine. Der Kohlenhof wäre nicht mehr einsatzfähig und immer mehr Rostocker Haushalte hätten bald keine Kohlen mehr zum Heizen. Neben defekten Kohlesilos, vereisten Förderanlagen und nicht winterfesten LKWs war das Hauptproblem, dass die sowieso nicht besonders zuverlässige Belegschaft, fast komplett nicht zum Dienst erschienen war. Nach Analyse der Lage beschloss das Kommando bis zur Normalisierung der Lage Kräfte der RTA-4 auf dem Kohlehof einzusetzen. Mit einem Restbestand an Mannschaften, sollte aber gleichzeitig die Gefechtbereitschaft gesichert werden. Da ich mich noch in der Ausbildung befand, nicht im „Diensthabenden System“ eingeplant war und zu den Neuen gehörte, war mein Einsatz auf dem Kohlenhof vorprogrammiert. Unter Führung von drei Berufssoldaten wurden fünf Einsatzgruppen mit je einem Maaten und sechs Matrosen, sowie vier geländegängige Allrad-LKW W-50 in Marsch gesetzt. Vier Einsatzgruppen sollten mit den W-50 je 5 Zentner Brikett pro Haushalt ausfahren und eine Gruppe wurde zum Absacken der Kohlesäcke, aber hauptsächlich zur Instandsetzung der völlig verdreckten, vereisten und defekten Kohlesilos, Förderbänder und Absackwaagen eingesetzt.

*Abbildung (Teil 7, S. 27): Foto aus der Ostseezeitung vom 2. Januar 1979*

Als Maatenschüler und gelernter Maschinen- und Anlagenmonteur hatte ich natürlich sofort die Ehre, die Drecksarbeit im Kohlenhof zu übernehmen. Das hieß zum einen Kohlen für die LKWs absacken und zum anderen in den Zwischenzeiten bei eisigem Wind durch Schnee, Eis und Kohlengrus zu graben, um die Anlagen wieder in Gang zu bekommen. Das war eine wirkliche Drecksschinderei. Wir haben mächtig geflucht und waren auf die Ausfahrtrupps neidisch. Aber rangeklotzt wurde trotzdem. Eines muss man sagen: Unsere Versorgung durch die Leitung des Kohlenhofes war echt vorbildlich. Warme Getränke und riesige Fressbeutel (sogar mit 1 Schachtel Zigaretten pro Tag für mich als Nichtraucher) sollten uns bei Laune halten. Es wurde auch einen Menge von uns geschafft.

Und was soll ich sagen, dem Tüchtigen winkt das Glück. Am Ende des vierten Tages kamen die W50 von der letzten Fuhre zurück und eine Besatzung fiel fast volltrunken von der Ladefläche direkt vor die Füße unserer Offiziere und der Kohlehofleitung. Ein bisschen alkoholische Erwärmung war zwar für die Nichtkraftfahrer toleriert worden aber das war eindeutig zu viel. Also bekamen meine Matrosen und ich den Job auf dem LKW und die unvorsichtigen Trinker unsere Drecksarbeit auf dem Kohlenhof. Am nächsten Morgen ging es aber erst einmal mit einem großen Schreck los. Dazu muss man sagen, dass auf dem LKW ein junger Matrose als Kraftfahrer eingesetzt war, der gerade erst die Fahrschule absolviert hatte und mit den Witterungsverhältnissen nicht gut zurecht kam. Auf unserer ersten Tour führte die Route über den Verbindungsweg in Rostock/ Brinkmansdorf. Die Strasse war nur sehr schmal und schlecht geräumt worden. Uns entgegen kam ein Minol-Tanklastzug und als wir aneinander vorbei fuhren, krachten beide linke Außenspiegel. Das war für den ungeübten Fahrer ein erheblicher Schreck. Er traute sich nicht mehr weiterzufahren und musste am Ende des Tages ausgewechselt werden. Einziger Kommentar unserer Offiziere zum Unfall: „Das wäre aber ein schönes Feuer geworden!“. Na danke aber auch!

Die nächsten beiden Wochen waren dann weniger spektakulär, aber sehr arbeitsreich. Wir sind mit unseren LKW überall im Stadtgebiet im Einsatz gewesen und haben oft Haushalte angetroffen, die wenig bis gar keine Kohlen mehr hatten. Ich kann mich an Keller erinnern, wo man fast vom Fußboden hätte essen können, so sauber und leer waren die Kohlengelasse. Unsere fünf Zentner waren zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber mehr ging nicht, da sich die Versorgung mit Brikett nach dem Unwetter immer noch nicht normalisiert hatte. Da wir schnell gemerkt hatten, dass der LKW auch über die geplante Menge beladen werden konnte, haben wir bei ganz bedürftigen Kunden (z.B. Rentnern und Müttern mit Kindern) auch mal ein bis zwei Zentner mehr abgeladen.

Was mich besonders beeindruckte, war die Freundlichkeit und Dankbarkeit der Rostocker Bevölkerung. Wir wurden überall herzlich aufgenommen. Oft gab es auch ein kleines Trinkgeld in Form von Naturalien (Kuchen beim Bäcker, Schokolade, Alkohol oder Zigaretten oft bei Privathaushalten). Da wir auch in Haushalte kamen, die Angehörige bei der DSR oder Hochseefischerei hatten, sind uns bis dato völlig unbekannte Marken an Genussmitteln in die Hände gekommen. Besonders gut in Erinnerung sind mir die Rostocker Gaststätten geblieben. Die Verpflegungsbeutel vom Kohlenhof waren zwar sehr ordentlich, aber eben nichts Warmes. Oft haben wir deshalb mittags an einer Gasstätte gehalten und wollten etwas Warmes essen und trinken. Wir wurden überall gerne aufgenommen. Tische und Stühle wurden mit Zeitungspapier abgedeckt und wir bekamen sofort ein ordentliches Essen vorgesetzt. Manchmal auch noch ein Bier, doch ich passte auf, dass während der Tour nicht zu viel getrunken wurde.

*Abbildung (Teil 7, S. 28): Abschlussfoto der Offiziere, Maate und Matrosen der RTA-4 zur Beendigung des Einsatzes auf dem Rostocker Kohlenhof (Januar 1979)*

Dafür wurde dann abends einiges an Alkohol mit ins Objekt genommen. Wer wollte uns dreckige Kohleträger und die total verdreckten LKWs auch schon kontrollieren! Da wir aus dem Routinebetrieb der RTA-4 herausgelöst waren, konnten wir sogar bei Alarmübungen liegen bleiben bzw. voller Genugtuung zusehen, wenn die anderen beispielsweise unter voller Schutzbekleidung, mit Schaufeln und Hacken bewaffnet, Eis und Schnee bekämpfen mussten. Die meisten hatten sich vorher über unsere Drecksarbeit lustig gemacht, nun konnten wir mal lachen. Nach drei Wochen ging der Einsatz dann zu Ende und meine Spezialausbildung in der Einheit konnte nun wirklich beginnen.

Wir waren auch später noch oft zur „sozialistischen Hilfe“ eingesetzt, so z.B. um 75 kg- Reissäcke im Überseehafen zu verladen, zur Kartoffelernte in einer LPG in Bentwisch und als Aushilfe im VEB Fleisch- und Wurstkombinat Rostock. Aber diese Einsätze waren längst nicht so anstrengend und wichtig wie die vorher beschriebenen. Abschließend kann ich sagen, dass mir die ersten Einsätze in Rostock eine ganze Menge gebracht haben. Neben einer sinnvollen Hilfe für die Bevölkerung hat es auch den Zusammenhalt des Kollektivs gefördert. Und was für mich auch noch wichtig war: Ich kannte mich seit diesen Tagen sehr gut in Rostock aus. Da ich noch ein paar Jahre hier im Standort verbrachte, war das später eine wertvolle Hilfe für mich.

— Thomas Weckend
