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title: "Meine (Fla-Raketen-)Komplexe oder Wespen stechen nicht immer"
autoren: ["Bernd Kulbe"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 5"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Berlin", "Rostock", "142", "Warszawa"]
zeitraum: "1978–1980"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t05-fla-raketen-komplexe"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Meine (Fla-Raketen-)Komplexe oder Wespen stechen nicht immer

> Bernd Kulbe, Kommandant des KSS „Berlin“ (142), berichtet über seine Erfahrungen mit dem Fla-Raketenkomplex OSA-M: das Ausbildungsschießen auf dem sowjetischen Schiff „Delphin“ in Poti 1979, bei dem plötzlich zwei MiG-21 im Schießgebiet auftauchten, und den Raketenschießabschnitt in Baltijsk 1980, bei dem sich herausstellte, dass die Raketen der „Berlin“ wegen falsch eingestellter Leitfrequenzen seit Indienststellung ungelenkt geflogen wären. Mit Beschreibung des Zusammenwirkens mit dem polnischen Zerstörer „Warszawa“ und der beobachtenden Bundesmarine-Fregatte.

Im Jahre 1978 erhielt ich vom Kaderchef der VM die völlig unerwartete Information, als Kommandant auf dem 2. Schiff des Projektes 1159, das entgegen aller Planungen noch irgendwo im weiten Russland in der Endausrüstung war, eingesetzt zu werden. Gut, dies war für einen Seeoffizier der Volksmarine bei der Schiffsgröße die Borddienststellung. In meinem damaligem Handwerk gab es keine größere Herausforderung.

Die 1159-Ausbildung in Baku hatte ich durch die spätere Ernennung zum zukünftigen Kommandanten leider verpasst. Die nachfolgende Station „Warten und Vorbereitungen der Besatzung auf die Schiffsübernahme“ leitete ich zunächst als Kommandant des letzten Wohnhulks vom Projekt 50 bis dann schließlich von Januar bis April 1979 das Ausbildungspraktikum in Poti am Schwarzen Meer stattfand. Poti liegt 80 km nördlich der türkischen Grenze und war zu Zarenzeiten ein Verbannungsort. Anzumerken ist nur noch, dass ich allen Unteroffizieren und Offizieren, die die Technikausbildung für Pr. 1159 in Baku bzw. im damaligen Leningrad erhalten hatten, mit meiner Fragerei (mal als Bitte, mal als dienstliche Aufforderung vorgetragen) schon in dieser Zeit mächtig auf die Nerven gegangen sein muss. Ich hatte ja irgendwie meinen Wissensrückstand auszugleichen, denn mit Übernahme der Dienststellung kannte ich gerade mal einen Dreiseitenriß meines zukünftigen Schiffes. Mein Freund und Vereinskamerad Kuddel B. hatte die Spezialausbildung in Baku noch genossen und sich dann wegen der „Wartezeit“ auf die spätere „Berlin“ verständlicherweise für spätere höhere Verwendungen abgeseilt, besser gesagt, man hatte ihn abgeseilt.

Zu den technisch anspruchsvollen Waffensystemen gehörte der Fla-Raketenkomplex OSA-M. Osa – das hieß auf deutsch Wespe. Die taktischen Einsatzmöglichkeiten dieses navalisierten Luftabwehr-Systems waren dank meiner Vorbildung nicht das Problem. Pr. 1159 konnte drei harte Zielkanäle zur Abwehr von Luftzielen abdecken: OSA-M, 76-mm- und 30-mm-Geschütze. Leider war der Einsatz von „weichen“ (passiven) Mitteln wie Düppel- und Infrarotfackelwerfer durch die ach so kompetenten höheren Fachorgane erst weit nach meiner Bordzeit vorgesehen.

Das Ausbildungsschiff „Delphin“ verlässt wieder mal den Hafen Poti mit den beiden sich mittlerweile gut verstehenden sowjetischen und deutschen Besatzungen. Aufgabe für die deutsche Besatzung: Schießen mit Fla-Raketen auf eine von einer Tu-16 abgeworfene Fallschirmsturzscheibe. Die Aufgabe war von den Sicherheitsbestimmungen her klar umrissen: Anflug in Höhe über 4000m, Schrägentfernung beim Abwurf um die 8000 m, keine anderen Luft- und Seeziele im Schießgebiet. Bei einem Antennenöffnungswinkel der Radaranlage SOZ von 30 Grad war das Flugzeug in dieser Höhe nicht gefährdet. Das beweist die Mathematik: Sinus 30º = 0,5; E = 8000 m x 0,5 = 4000 m. Den verantwortlichen sowjetischen Marineoffizier und den Kommandanten des „Delfin“, Kapitänleutnant Petrosjan, hatte ich vorher in kleiner Runde zu den Sicherheitsbestimmungen konsultiert. Dabei hatte ich auch die Frage gestellt, ob denn mit dem zuständigen Kommando der Luftverteidigung des Landes alles abgestimmt sei. Auf solche Abstimmungsschwächen hatte man uns als Hörer der Leningrader Seekriegsakademie bei Planspielen expliziert hingewiesen. „ Kanjeschno, wsjo b porjadkje“ (selbstverständlich, alles in Ordnung), kam es im Brustton der Überzeugung von meinen Gesprächspartnern.

Es kam die Meldung über den Anflug des Zielflugzeuges. Die deutsche Besatzung übernahm das Schiff. Herrscher aller Reussen war also nun ich für diesen Ausbildungsabschnitt. Damit galten unsere Vorschriften. Und danach ging ohne ausdrückliche Feuererlaubnis des Kommandanten bei einem Übungsschießen keine Rakete vom Balken. Alles lief wie geschmiert. Die Mannen um Artillerieoffizier Werner Lukoschat und Raketenwaffenleitoffizier Dieter Frommelt arbeiteten alle Schritte (nachzulesen im Teil 4 unserer KSS-Broschüre) folgerichtig ab. Das Betriebsverfahren „Automat“ aber konnte – wieder nach unseren Vorschriften - nur nach meinem Befehl: „An Befehlsstand II – Feuererlaubnis“ zur Anwendung kommen. Unsere Freunde in Marineschwarz wussten dies allerdings nicht.

Plötzlich waren noch zwei Luftziele im Gebiet. Nun brach Panik bei den sowjetischen Offizieren aus - es herrschte für kurze Zeit ein absolutes Durcheinander. Der Oberverantwortliche vom Stab der Schwarzmeerflotte benahm sich wie Rumpelstilzchen und schrie mich an: „Drob, drob – daitje kommandu drob!“ Drob war das russische Kommando für Unterbrechung des Schießens, nach unseren Vorschriften „Halt – Batterie halt“. Da ich noch keine Feuererlaubnis erteilt hatte, machte ich gar nichts und verzog keine Miene. Das hatten sie nun von ihrer Abstimmung mit den Nachbarn. Zwei Mig-21-Jagdflugzeuge der Luftverteidigung waren einfach nur neugierig und flogen uns an. Natürlich erklärte ich, nachdem der Rauch sich verzogen hatte, den aufgeregten Freunden, dass ich die Situation schon erfasst und nicht die Absicht hatte, Feuererlaubnis zu erteilen. Meine Männer kennen die Regeln und es konnte nichts passieren, war mein Kommentar. Das Abwurfflugzeug wurde auf erneuten Anflugkurs dirigiert und warf dann die Scheibe. Die Rakete fauchte vom Balken und flog niedrig über die Wasseroberfläche. Irgendwie waren unsere Instrukteure nervös. Ich fragte dann, was wir denn getroffen hätten. Wir sollten bei der Zieltrennung nicht die Fallschirmscheibe, sondern den Scheibencontainer aufgefasst und den im Freifall kurz über der Wasseroberfläche erwischt haben, so die Antwort. Die Übung wurde für erfolgreich beendet erklärt und zurück ging es nach Poti. Noch stellte sich mir nicht die Frage, ob die Wespe denn wirklich erfolgreich gestochen hatte.

Am 10. Mai 1979 war dann in Warnemünde der Indienststellungs-Tag. Aus der ehemaligen „Kretschet“ („Gerfalke“) wurde mit der Bordnummer 142 endlich die „Berlin“. Die Besatzung ackerte den Stoff eines Ausbildungsjahres in fünf Monaten durch. Wir wurden nämlich freiwillig verpflichtet, zum 30. Jahrestag der DDR voll einsatzfähig zu sein. Das hieß, wir mussten bis zum 07.10. die so genannte Kampfkern-Überprüfung bestehen. In diesen fünf Monaten liegen noch viele Geschichtchen, die die Antichronik unserer Marinekameradschaft vervollständigen können.

Im Juni 1980 ging es zum Raketenschießabschnitt nach Baltijsk. Das Schießen von Fla-Raketen sollte im Verband nacheinander durch den polnischen Zerstörer „Warszawa“ und die KSS „Rostock“ und „Berlin“ (nun schon „Berlin – Hauptstadt der DDR“) erfolgen. Alle hatten gut trainiert, der Kommandeursbestand musste sich bei Entschlussvorträgen - das Schießen war ja in einen taktischen Hintergrund eingebettet – durch viele Fragen auf russisch mehr oder weniger quälen lassen. Bei mir war es dank Sprachkenntnis und Studium sehr viel weniger.

Der Verband lief aus ins Übungsgebiet. Die zu erfüllenden Schießaufgaben hatten verschiedene Schwierigkeitsgrade. Der niedrigste war von unserer „Berlin“ zu erfüllen. Logisch, es war das erste Fla-Raketenschießen nach Indienststellung. Wir hatten die schon bekannte Fallschirmsturzscheibe vom Himmel zu holen. Die „Rostock“ war einen Schritt weiter und sollte auf ein funkferngesteuertes Flugzeug vom Typ La-17 feuern. Der polnische Zerstörer schoss mit seinem Komplex „Wolna-K“ auf die Schiff-Schiff-Rakete „P-15“ (2-Komponenten-Flüssigkeitsflügelrakete, hier mit Betonsprengkopf). Das war schon eine imposante Angelegenheit. Beobachter der anderen Feldpostnummer war 1980 eine Fregatte vom Typ Bremen.

Es gab noch eine interessante „Nebenaufgabe“. Sollten die raketenschießenden Schiffe nicht treffen, war für unser Schiff der Artillerieeinsatz für die 76-mm-Geschütze freigegeben. Keiner der höheren Vorgesetzten machte sich wahrscheinlich Gedanken, wohin beim Verbandsüberflug der Ziele deren Trümmer auch landen könnten - nämlich auf unseren Köpfen und das im tiefsten Frieden. Es gab zwar Sicherheitsbestimmungen zuhauf, aber nichts ging über „Gefechtsnähe“.

Der Verband fuhr in Kiellinie, eine „P-15“ näherte sich von der Landseite, also Schießaufgabe für unsere polnischen Mitstreiter. Unsere Funkmesser machten das Ziel frühzeitig aus, ich stand in der Steuerbordnock und schaute gebannt zur vorauslaufenden „Warszawa“. An Oberdeck war ja kein Mensch zu sehen. Aktivitäten konnte man nur an sich bewegenden Antennen und am Raketenstarter erkennen. Die Rakete kam immer näher und unser Wespennest übte ordentlich elektronisch mit. Leider oder, wie sich später herausstellen sollte, zum Glück hatte ich keine Rakete in der Freigabe. Auch die Fut-B, die Artillerie-Funkmessstation für die 76-mm-Geschütze, nahm ordentlich Maß. Alter, was willst du mehr, dachte ich so bei mir, unsere spätere Aufgabe schon im Kopf. Verdächtig spät schwenkte der Raketenstartarm des Zerstörers. Die anfliegende Rakete war schon fast im optischen Sichtbereich. Da fauchte die erste Rakete ab und .... vorbei. Die zweite folgt sogleich, macht in unmittelbarer Nähe des Zieles noch Hundekurve und der Funkmessabstandszünder der Fla-Rakete löst aus. Die Zielrakete schüttelt sich von Splittern getroffen, kommt leicht vom Kurs ab und fliegt vor unserer Nase über den Zerstörer hinweg - au Backe. In Höhe der zuschauenden Fregatte der Bundesmarine, ich konnte ja mit meinen Augen nur die Richtung und nicht die Entfernung feststellen, zerlegte sich die Zielrakete in einem orangefarbenen Feuerball. Die Fregatte machte Dampf auf und ging schleunigst auf mehr Abstand. Übrigens nutzte unser Artilleriegefechtsabschnitt die Feuerfreigabe nicht. Es gab just in diesem Moment eine Störung und ich war darob, gelinde gesagt, etwas wütend.

Unser „fliegender Scheibenschlepper“ wurde angekündigt. Der Beobachter vom Dienst, die Bundesmarinefregatte, hatte sich wieder genähert und folgte uns leicht achteraus an Steuerbord. So gab ich noch über Lautsprecher an den NATO-Beobachter: „Kommandant an Kommandant – Gehen sie auf die Backbordseite, wir schießen nach Steuerbord!“. Verlorene Liebesmüh. Er wollte uns unbedingt in die Hosentasche gucken.

Auf allen Gefechtsstationen lief es wie am Schnürchen. Die Vorgänge vom Schwarzen Meer wiederholten sich. Unsere Rakete flog dicht vor dem Bug des neugierigen Begleiters davon, aber mit ballistischer Flugbahn ohne jegliche Lenkbewegungen. Mir schwante da schon etwas. Großes Durcheinander auf der Brücke der 142 war die Folge. Der verantwortliche Verbindungsoffizier der Baltischen Flotte folgte meiner Überzeugung: kein zweiter Raketenstart. Erst mal die Ursache des Versagens feststellen. Zurück zum Hafen!

Ich war natürlich, wie viele andere auch, ordentlich sauer. Irgendwann kam ich zu der Einsicht, nichts zur Aufklärung beitragen zu können. So zog ich mich in meine Kammer zum „Käffchen“ zurück. Die Vorgänge vor Ort im achteren Bereich des Schiffes und beim Wälzen der Dokumentation durch die russischen und deutschen „Spezis“ sollen die Beteiligten beschreiben. Meldung über Ergebnisse der Überprüfung erst am nächsten Morgen: Die Fehlerursache des ungelenkten Fluges der Rakete war jedenfalls banal und schockierend zugleich. Die Leitfrequenzen der Raketen wurden bei Übernahme an Bord eingestellt. Die Startbalkenfrequenz war an die Raketenfrequenz anzupassen. So war eigentlich bei entsprechenden Schalterstellungen jede Rakete von jedem Balken einsetz- und lenkbar. Nur die Einstellungen mussten eben übereinstimmen. Die Rakete „hörte“ ihre Lenkkommandos (Leitstrahllenkung) nur auf einer Frequenz. Der Frequenzumschalter Stellung 1, ru. Liter 1; Stellung 2, ru. Liter 2 sicherte die Übereinstimmung bei richtiger Handhabung. Angeblich soll durch einen Übersetzungsfehler immer die andere Frequenz angelegen haben. Mir war das reichlich unlogisch. Auch aus den Erfahrungen auf dem „Delphin“ der Schwarzmeerflotte. Ich sagte aber nichts. Peinlich genug war der Umstand so und so. Wir waren unbewusst seit Indienststellung ein zahnloser Tiger gewesen. Unsere kostbaren „igolotschkis“ (Nädelchen) hätten nicht gestochen. Der Mantel des Schweigens war angebracht. Fehler gefunden und beseitigt.

Es wurde wieder ausgelaufen. Der Schiffsverband lief in Kiellinie, das Flugzeug kam und wurde ordentlich eingemessen. Der eingeschiffte Abteilungschef Fregattenkapitän N. (wir hatten ein ziemlich gestörtes Verhältnis miteinander) gab den Befehl zur Aufgabenerfüllung: „Luftziel vernichten!“. Befehle sind auszuführen. Nun warf die Tu-16 den Container aber bei einer Schrägentfernung so um die 12.000 Meter. Scheibe und Container trennen sich und die Scheibe schwebt ganz langsam nieder. Auf diese Entfernung schießt Kulbe nicht, schließlich kennt er die technischen Parameter seiner Fla-Raketenanlage. Ohne auch nur zu zögern gibt er Ruderkommandos, schert aus dem Verband aus, lässt die Fahrt erhöhen und läuft dem Luftziel entgegen. Ich gebe ja zu, dass dies nicht die allgemeine Praxis war. Jedenfalls klappte dem ACH die Kinnlade runter und schon raunzte er mich an, was ich denn da mache. Antwort: „Ihren Befehl ausführen, Genosse Fregattenkapitän!“. Der RWLO meldete die abnehmenden Entfernungen und bei etwas über 9000 Meter Entfernung gab ich Feuererlaubnis. Es war ein schöner klarer Tag und es war ein Bilderbuchschuss. Wir scherten wieder in den Verband ein. Nicht nur ich war so richtig rundum zufrieden. Als ich auch noch beobachten konnte, wie das Schwesterschiff „Rostock“ seine Aufgabe tadellos erfüllte, war mein persönlicher Komplex gegen den Raketenkomplex OSA-M beendet.

— Bernd Kulbe
