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title: "Der beleidigte Autopilot"
autoren: ["Klaus Martin"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 5"
projekte: ["1159"]
schiffe: ["Rostock"]
zeitraum: "1980er Jahre"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t05-der-beleidigte-autopilot"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Der beleidigte Autopilot

> Auf dem Weg zum Flottenbesuch nach Leningrad vertreiben sich Klaus Martin als 1. Offizier und Oberleutnant Wilfried Anders auf der Brücke der „Rostock“ die Langeweile damit, den Autopiloten durch kleine Ruderausschläge zur Arbeit zu zwingen – bis das Schiff plötzlich mit „Ruder Backbord 5“ aus dem Kurs läuft und der Verband mit einem eleganten Bogen umrundet werden muss.

Die „Rostock“ auf Kurs zum Flottenbesuch nach Leningrad. Blauer Himmel, Sonnenschein, nur schwach bewegte See und bis zum Horizont kein weiteres Schiff zu sehen. In Kiellinie ging es quer über die Ostsee Richtung Finnischer Meerbusen. Wie so üblich, wurde jede Hand gebraucht, um dem Schiff den letzten Schliff zu geben. Überall wurde geputzt und gepönt. In der Offiziersmesse hatte der CVM außerdem noch eine Besprechung angesetzt, an der auch der Kommandant teilnahm. So kam es, dass sich auf der Brücke nur ich als 1.Offizier und Oberleutnant Wilfried Anders aufhielten. Wir lümmelten uns gelangweilt an das frisch gewienerte Messinggeländer des Ruderstandes. Der Rudergast war auch zu irgendeiner Arbeit abkommandiert und dessen Job hatte jetzt der Autopilot übernommen. Während wir so über Gott und die Welt klönten, beobachteten wir am Kompaß die Bemühungen des Autopiloten, den vorgegebenen Kurs trotz des schräg einfallenden, leichten Wellengangs exakt zu halten. Immer wenn gelegentlich eine größere Welle den Bug leicht nach Backbord drückte, reagierte er sofort mit einer entsprechenden Ruderlage Steuerbord, bis der Kreisel wieder auf dem vorgegebenen Kurs anhielt.

Und da fingen wir an, entsprechend der Höhe der entgegenkommenden Wellen zu schätzen, welche Ruderlage er als nächstes einschlagen wird und wie lange er mit der Korrektur zu tun hat. Das wurde uns aber mit der Zeit zu langweilig, da es an den entsprechenden Wellen fehlte, die ein sichtbares Manöver des Autopiloten bewirken und unsere seemännischen Erfahrungen vertiefen sollten. Also „halfen“ wir ein bisschen nach, drehten das Steuerrad ein wenig nach Backbord und erreichten damit das gleiche Resultat wie die Wellen – der Autopilot musste arbeiten! Dieses Spielchen ging so eine Weile – plötzlich gab es einen Ruck, das Schiff legte sich leicht nach Steuerbord und es ging mit „Ruder Backbord 5“ voll aus dem vorgegebenen Kurs. Jetzt durften wir arbeiten – und wie! „Ruderversager!“ – an die Besatzung, „Nicht folgen!“ per UKW an den Rest des Verbandes und dann war innerhalb kurzer Zeit das idyllische Leben auf der Brücke vorbei ... ( kein weiterer Kommentar ) Jedenfalls umrundeten wir in einem schönen Bogen mit hoher Geschwindigkeit die anderen beiden Schiffe und setzten uns, als wäre das alles planmäßig befohlen worden, wieder an die Spitze des Verbandes. Und glaubhaft konnten wir auch alle anderen von der „Riesenwelle“ überzeugen, die den Autopiloten zur Aufgabe gezwungen hatte und uns zu diesem Manöver veranlasst hatte – wir waren die Helden!!! Nur bei uns beiden blieben Zweifel: Hatten wir selbst das Spiel mit der Ruderlage übertrieben oder war es doch der Autopilot, der von unseren kindischen Späßchen irgendwann mal die Nase voll hatte?

— Klaus Martin
