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title: "78 Stunden auf Vorposten"
autoren: ["Richard Blumenthal", "NBI (Neue Berliner Illustrierte), Ausgabe 4/65"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 5"
projekte: ["50"]
schiffe: ["Ernst Thälmann"]
zeitraum: "1965"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t05-78-stunden-auf-vorposten"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# 78 Stunden auf Vorposten

> Abschrift einer Reportage von Richard Blumenthal aus der NBI (Neue Berliner Illustrierte) 4/65 über 78 Stunden an Bord des KSS „Ernst Thälmann“ während einer Navigations-Belehrungsfahrt mit Gefechtsübung. Der Reporter erlebt Gefechtsalarme, die Abwehr eines Angriffs von TS-Booten unter Führung von Manfred Kretzschmar, Kommandant Werner Ebert und eine Übung mit simuliertem „Atomschlag“ und Entaktivierung durch ein Feuerlöschboot. Mit Fotos von Horst E. Schulze.

> Anmerkung der Redaktion: Unter diesem Titel veröffentlichte die Wochenzeitschrift NBI (Neue Berliner Illustrierte) in ihrer Ausgabe 4/65 eine Reportage von Richard Blumenthal über das KSS „Ernst Thälmann“. Als Fotograf unterstützte Horst E. Schulze den Reporter. Der damalige ACH Manfred Kretzschmar und der Kommandant Werner Ebert erhielten jeweils eine Originalausgabe dieser NBI. Außerdem wurden Manfred Kretzschmar die bei der Reportage geschossenen Bilder zur eigenen Verwendung übergeben. Um mit der Abschrift des nun 40 Jahre alten Artikels nicht anzuecken, haben wir nach einem Rechtsnachfolger der NBI gesucht, aber selbst über das Internet keinen gefunden. Sollte wieder Erwarten doch jemand Rechtsansprüche anmelden, dann bitten wir jetzt schon um Entschuldigung und möchten mit Verweis auf die Satzung der MK KSS e. V. darauf aufmerksam machen, dass mit der Abschrift dieses Artikels keinerlei geschäftlicher Hintergrund oder gar Gewinnstreben verbunden sind. Uns geht es lediglich um eine interessante Schilderung des Lebens an Bord eines KSS Pr. 50. Die eine oder andere kleine seemännische oder militärische Verbesserung haben wir uns bei der Abschrift erlaubt.

„ ..... werden auf Befehl des Kommandos der Volksmarine für ihren hervorragenden persönlichen Einsatz bei der Seenotrettung eines Fischkutters ausgezeichnet .....“ Da stehen sie auf dem Achterdeck, angetreten in soldatischer Ordnung und Haltung, nur als Schemen in der blauen Tarnbeleuchtung zu erkennen. Ihre Gesichter sind nicht wahrzunehmen, und doch kennen wir sie. Einige sehr genau, viele sind schon alte Bekannte, nur wenige der Mannschaft bleiben anonym. 78 Stunden waren wir mit ihnen zusammen. 78 Stunden mit den Matrosen, Unteroffizieren und Offizieren unseres Küstenschutzschiffes „Ernst Thälmann“. Auch hier ist die Zeit relativ. Für die Besatzung, die einen anstrengenden, strapazenreichen Übungseinsatz durchzuführen hatte, war es eine lange Zeit. Für uns aber, die wir unzählige neue Erlebnisse und Eindrücke aufnahmen, war sie viel zu kurz.

Die Stunde Null begann genau an einem Dienstag um 21.06 Uhr. Zusammen mit dem Schwesterschiff läuft die „Ernst Thälmann“ aus. Der Auftrag des Kommandos lautet: „Navigations-Belehrungsfahrt mit Gefechtsübung“. Der Wachoffizier, Oberleutnant Peter Lemke (27), gibt Befehl: „Kleine Fahrt voraus, Kurs Ost/Nordost“. Der Wetterdienst meldet: Bewegte See, Stärke 7 bis 8. Als Landratten schlucken wir ein paar Mal kräftig, dann ist das beklemmende Gefühl, doch seekrank zu werden, vorüber. Gespenstisch heulend oder mit dunklem Klang läutend tauchen an der Backbord-Seite Tonnen auf und verschwinden, auf den Wellen tanzend, wieder in der Nacht. Das sind die Wegweiser auf den Seestraßen, denen auch wir nach dem Auslaufen noch folgen. Stunde um Stunde. Unser Schiff läuft jetzt volle Fahrt. Ab und zu schlagen die Wellen über das Deck, der Wind hat stark aufgebrist. Vier, fünf Kabellängen hinter uns die grün-weiß-roten Positionslichter des anderen KSS. Noch immer liegt die lange, trübe Winternacht über der Ostsee. Der Smutje bereitet das Frühstück vor. Es duftet bis zur Kommandobrücke herauf nach Schokoladensuppe. Ein Teil der Mannschaft schläft, entsprechend dem vierstündigen Wechsel zwischen Wache und Freizeit. Wäre nicht das regelmäßige Stampfen der Aggregate zu spüren, man könnte meinen, auf dem ganzen Schiff herrsche nächtliche Ruhe. Rasendes minutenlanges Läuten. In allen Winkeln des Schiffes unüberhörbar. Schemenhaft stürzen Gestalten an uns vorüber. Im Dunkel der Nacht schimmern die leuchtend orangefarbenen Kampfanzüge. Alarm! Es ist nicht Krieg, es ist Frieden, es ist nicht der Ernstfall, es ist eine Übung. Und doch wird uns in diesem Moment aus der Situation heraus bewusst, warum im Frieden unsere Soldaten den Kampf üben. Vor unseren Ostseeküsten kreuzen wir die Kielwasser der NATO-Kriegsschiffe.

*Abbildung (Teil 5, S. 12): Manfred Kretzschmar (ACH) im Interview*

Mittwoch, 12.45 Uhr. Wir sitzen im Kreis der Offiziere. Auf dem Tisch riesige Schnitzel, Rotkraut und Salzkartoffeln. Als Nachspeise gibt es Pflaumenkompott. Die Seeluft macht hungrig, und während wir uns stärken, erklärt der Kommandeur des GA-II Oberleutnant Egon Kisser (28) Sinn und Zweck der durchgeführten Übung. Für uns Reporter waren im Morgengrauen nur kleine graue Ungeheuer mit weißen Gischtfontänen am Horizont vorbeigehuscht. Wir hörten auch Befehle und Geschützdonner, sahen Leuchtspursalven und Radarpositionen. Eindrücke, die einem Laien zusammenhanglos erscheinen, auf den Karten- und Messtischen der Übungsleitung aber eine exakt ablaufende Übung widerspiegeln. Eine Übung mit angreifenden Torpedoschnellbooten und Flugzeugen, mit Flaktreffern und Torpedolaufbahnen, mit Sieg und Niederlage, mit Freund und Feind. Das alles war jetzt klarer in unserer Vorstellung. Und wer hat nun gesiegt? Dank der taktisch klugen Führung der KSS durch Korvettenkapitän Manfred Kretzschmar war es gelungen, den Angriff der TS-Boote zu durchkreuzen, sie zu irritieren und abzuwehren. Na denn, beruhigt löffeln wir unser Pflaumenkompott weiter.

*Abbildung (Teil 5, S. 13): In der Kombüse*

*Abbildung (Teil 5, S. 13): Kommandant beim Mittagessen*

Nach 22 Stunden überkommt uns die Müdigkeit. Im Vorschiff haben wir zusammen mit den Obermaaten unsere Koje belegt. Einige Seeleute spielen Skat. Briefe werden geschrieben. Peter, Chemiker von Beruf, erzählt uns die dramatische Geschichte, die man vor 14 Tagen erlebte. Bei Sturm hat die Besatzung der „Ernst Thälmann“ einen Fischkutter aus Seenot gerettet. Sein Bedauern, daß wir nicht mit der Kamera dabei waren, ist echt. Über uns rauschen die Frischluftgebläse. Weißbezogene Decken und Kopfkissen bieten eine gute Unterlage, um sich im Rhythmus des Seegangs in den schlaf wiegen zu lassen. So gut schläft man selten. War es Nacht, war es Tag? Der Zeitbegriff fehlt für einen Moment.

*Abbildung (Teil 5, S. 13): Im Schutzanzug auf dem BS-I*

*Abbildung (Teil 5, S. 13): Ein Versorger liegt längsseits*

Grell fährt das schrille Hämmern der Glocken in die Sinne. Es ist der dritte oder vierte Gefechtsalarm. Fast schematisch springen wir auf. Sekunden bleiben zum Ankleiden. Schnell den Niedergang hochgestürzt, dann werden auch schon die Schotten hermetisch geschlossen. Die See ist glatt wie ein Entenpfuhl. Die „Thälmann“ läuft „Große Fahrt voraus“. Fragend sehen wir unseren immer zu Späßen aufgelegten Schiffskommandanten Werner Ebert (31) an. Dieser Mann aus dem Harzstädtchen Blankenburg, von Beruf Stellmacher, ist unsere Neugier nun schon gewohnt. Wir bekommen von ihm einen Situationsbereicht der Übung. Unser Schwesterschiff, das sich vor 24 Stunden mit einem neuen Auftrag von uns getrennt hat, liegt durch „Atomschlag“ manövrierunfähig einige Seemeilen entfernt. Wir müssen zur Hilfe. „Atomschlag“ – hier ist das Wort, das so grauenhafte Vorstellungen weckt. Moderner Krieg bedeutet aber Kernwaffen. Wer sich nicht davor zu schützen weiß, wer nicht unter diesen Bedingungen zu kämpfen versteht, wer die atomare Verteidigung nicht übt, nicht beherrscht, macht sich zum Selbstmörder.

Blutrot geht die Sonne auf. Es ist Freitag 7.45 Uhr. Verblüffend echt, mit starker Schlagseite und verkanteten Geschützrohren liegt das KS-Schiff bewegungsunfähig vor uns. Die noch einsatztüchtigen Mannschaften stehen auf ihren Posten. Gespensterhaft sehen sie aus, vermummt unter ihren farbigen Kampfanzügen, unter Kopfmasken und Stahlhelmen, in Atomschutzstiefeln und Handschuhen. Dosimeter registrieren ständig den Grad der Radioaktivität. Erste Hilfe wird geleistet. In den Kesselräumen steigt die Hitze unbarmherzig. 65 Grad müssen hier von den Soldaten unter Maske und luftdicht abschließendem Anzug stundenlang durchgestanden werden. Erst am späten Vormittag kann ein zu Hilfe gerufenes Feuerlöschboot mit seinen Wasserkanonen das Schiff entaktivieren. Zwei Schlepper bringen die manövrierunfähige Festung zurück in den Hafen. Mit „Kleiner Fahrt“, in sicherer Entfernung folgt die „Ernst Thälmann“ zum Geleitschutz. Die Übung ist beendet. Das letzte Wort über den Erfolg dieses Manövers, über den Stand der Ausbildung, die Kampfkraft und die Moral der Soldaten hat nun die Übungsleitung.

*Abbildung (Teil 5, S. 14): Auf dem HBS*

*Abbildung (Teil 5, S. 14): Entaktivierung mit Feuerlöschboot*

Die letzte, die 78. Stunde an Bord ist gekommen. Händeschütteln, gegenseitige gute Wünsche, Grüße, dann scheiden wir von Freunden, nehmen unser Gepäck, gehen die Pier entlang. Auf dem Achterdeck stehen sie, im gespenstischen Licht der blauen Tarnbeleuchtung. Ihre Gesichter sind nicht wahrzunehmen und doch kennen wir sie. „ ..... werden auf Befehl des Kommandos der Volksmarine für ihren hervorragenden persönlichen Einsatz bei der Seenotrettung eines Fischkutters ausgezeichnet .....“

— Richard Blumenthal (NBI 4/65)
