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title: "Auf Großer Fahrt per Eisenbahn"
autoren: ["Wolfgang Schmieder", "Hans Steike"]
quelle: "Marinekameradschaft KSS e.V., KSS-Broschüre Teil 4"
projekte: ["1159"]
zeitraum: "1976"
url: "https://die-geschichte-von-kss.de/geschichten/t04-auf-grosser-fahrt-per-eisenbahn"
lizenz: "Texte unverändert; Rechte bei Marinekameradschaft KSS e.V. und den Autoren. Siehe https://die-geschichte-von-kss.de/quellen"
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# Auf Großer Fahrt per Eisenbahn

> Zwei heitere Reiseschilderungen von der Bahnfahrt der 1159-Lehrgangsteilnehmer nach Baku im März 1976: Wolfgang Schmieder erzählt von der „Fahrt im Kampagne-Waggon“ von Moskau nach Baku mit Bahnhofstoiletten, Wobla, Wodka und einem aserbaidschanischen Reisegefährten mit „Aerodrom“-Mütze. Hans Steike berichtet vom „Fehler in der Koppeltabelle“: Der Zug von Kiew nach Baku fuhr nur alle zwei Tage, was der Kiew-Gruppe einen unvergesslichen Zwangsaufenthalt mit Hilfe des DDR-Generalkonsulats bescherte.

Im Episodenteil wurde bereits ausführlich über den 1159-Lehrgang in Baku berichtet. Auch darüber, daß die „Überfahrt“ per Bahn erfolgte. Aus unerklärlichen Gründen hatte die Auslandsabteilung des Ministeriums für Nationale Verteidigung dazu zwei Gruppen gebildet: Die größere Gruppe reiste unter Führung des ACH über Moskau, die kleinere unter Führung des Stabschefs über Kiew. Von beiden Reisegruppen gibt es Lustiges zu berichten.

## Fahrt im Kampagne-Waggon

*von Wolfgang Schmieder*

Kaum hatten wir in Moskau den noblen, grenzüberschreitenden Zug verlassen, als uns schon ein erster Schock ereilte: die Bahnhofstoiletten. Sie hatten nur halbhohe Boxentüren, was Türriegel und Besetzt-Schilder einsparte. Hinter den Türen schauten grimmig angestrengte Gesichter unter meist riesigen Pelzmützen den Neuankömmlingen in deutscher Marineuniform entgegen. Dazu ein unheimlicher, uns unbekannter „Duft“ nicht nur nach Sch....haus, sondern zusätzlich mit einer Mischung von Desinfektionsmitteln, Knoblauch, Wodka, Machorka und Naphtalin versetzt. Dieser Duft sollte uns auch später während der Baku-Zeit auf allen öffentlichen Toiletten immer wieder begleiten.

Unklar erst einmal die Weiterfahrt, denn es gab keine Tickets für die Abteile. So wurden wir über den ganzen Zug verteilt. KSS-Neulinge unter den Offizieren – ich erinnere mich da an ehemalige MSR-Fahrer wie Harald Zingelmann und Dieter Dziuballe sowie einen gewissen Leutnant Schmieder - mussten mit den Berufsunteroffizieren in den normalen Schlafwagen als „Kontrolleure“ fahren. Bei diesen Kampagne-Waggons handelte es um so eine Art Lazarettzug Marke 2. Weltkrieg. Das Bettzeug sollte einen Rubel kosten. Nicht mit uns! Wintermantel und ein kräftiger Schluck „Goldkrone“ sorgten für schnelles Einschlafen. Die Dunkelheit im Waggon bei Abfahrt bewahrte uns vor weiteren tiefgreifenden Schocks.

Das nächste Erwachen im Inlandsfernzug von Moskau nach Baku – es war eine andere Welt. Ein Mütterchen verschwand am Morgen unter ihrer Decke auf einer Koje längs zum Hauptverkehrsgang und kam erst in Baku wieder unter dieser Decke hervor. Vielfältig waren die Anzugsordnungen der Mitpassagiere. Am verbreitetsten waren ausgebeulte Trainingshosen und hängende Pullover. Schnell fanden unsere Berufsunteroffiziere die Bequemlichkeit dieser Anzugordnung heraus, was dazu führte, dass sie sich bald kaum noch von den anderen Fahrgästen unterschieden. Vor allem dann, als einige Uniformteile bei Tauschgeschäften die Besitzer wechselten. Die mitreisenden Offiziere waren mittlerweile nicht mehr ganz Herr der Situation und verlagerten ihren Aufenthaltsort immer öfter in den Speisewagen. Hier gab es sehr preiswert ein außerordentlich leckeres Omelett und - für uns fremd - ein unmöglich plattgehauenes Hühnchen, gebraten in der Pfanne, aber ebenfalls sehr lecker. Den zungenbrecherischen Namen dieses Gerichtes waren wir damals nicht in der Lage auszusprechen. Er hatte etwas mit Kebab zu tun. Da der Kellner jedoch sehr schnell unseren Rhythmus zwischen diesen beiden Gerichten herausgefunden hatte, waren wir mit der Bestellung aus dem Schneider.

Faszinierend waren die vielfältigen Stauräume, die sich unter den Sitzen und Tischen der Gäste befanden und die einen nicht endenden Vorrat an Wodka, Sekt und Trockenfisch – den berühmten „Wobla“ - zum Inhalt hatten. Während im Waggon-Restaurant Tischdecken vorhanden waren, blieb im Gesindewaggon die Prawda durchgehend Tischdecke, Einwickel- und Abdeckpapier in einem. Bei allen uns so fremden Eindrücken, ungewöhnlichen und manchmal auch unschönen: die Menschen, ob alt oder jung, waren uns gegenüber sehr aufgeschlossen, neugierig und freundlich. Man fühlte sich, wenn man wollte, schnell dazu gehörig. Die meisten unserer BU`s ganz doll, weil Wodka und Goldbrand zwar zwei verschiedene Geschmacksrichtungen hatten, dafür aber die gleiche, verbrüdernde Wirkung. Nach mehrmaligem Drängen erhielten schließlich auch die Offiziere eine Koje in einem Abteil und fühlten sich damit etwas „standesgemäßer“ untergebracht.

Lange nicht durchschaubar war für uns die Ursache der unendlich langen und langsamen Ausfahrten aus den Bahnhöfen, besonders als wir die kaukasischen Regionen erreichten. Des Rätsels Lösung war jedoch bald gefunden. Heerscharen von Frauen und Männern bevölkerten nach dem Bahnhofshalt jedes Mal den Zug und verkauften alles, was man sich nur vorstellen konnte. Renner waren dabei allerlei Wegzehrung wie frisches Gemüse, Obst und Früchte, die wir nicht kannten (diese entpuppten sich später u.a. als Granatäpfel) sowie Stalinbilder in großer Vielfalt. Das Auspacken und Anbieten der vielen „Herrlichkeiten“, sowie das uns unverständliche, jedoch später so vertraute Feilschen nahmen dabei jedes Mal mehr Zeit in Anspruch, als der Zug Aufenthalt hatte. Mit der langsamen Ausfahrt bestand für die Händlerschar noch die Möglichkeit eines relativ gefahrlosen Absprungs.

Irgendwann im Laufe der Fahrt hatten auch die Mitbewohner unseres Abteils gewechselt und auf dem letzten Wegstück, ca. einen Tag lang, war ein massiger Aserbaidschaner unser Weggeselle. Damals haben mich an ihm drei Dinge fasziniert: Zum ersten eine riesige, uns unbekannte Kopfbedeckung, die immer auf seinem massigen Haupt ruhte, sogar wenn er sich hinlegte. Später wussten wir, dass diese Mützen sozusagen zum aserbaidschanischen Mann gehörten, wie seine unzähligen Goldzähne im Mund. Aufgrund der Größe und kreisrunden Form hatten diese Kopfbedeckungen im Volksmund auch den Namen Aerodrom – Flugplatz. Zum zweiten war unser Russisch so schlecht wie sein Deutsch, was ihn aber nicht störte, uns unablässig mit Redeschwalls zu überschütten. Gemäß der uns anerzogenen Freundschaft zum großen Bruder bemühten wir uns zuerst, am Gespräch teilzunehmen. Später suchten wir aber lieber unser Heil in der Flucht zu dem schon beschriebenen Restaurant–Waggon. Zum dritten sprang er in immer kürzer werdenden Abständen auf, stellte sich auf den Sitz und schaute mit dem riesigen Aerodrom auf dem Kopf in Fahrtrichtung aus dem offenen Zugfenster. Wie der Aerodrom trotz des Fahrtwindes auf dem Kopf hielt, wird mir immer ein Rätsel bleiben. Dabei rief er immer freudig erregt das gleiche, was wir als „Bald kommt Baku!“ deuteten. Dieses Gebaren hielt etwa einen reichlichen halben Tag an, was uns, die wir nur DDR-Entfernungen gewohnt waren, völlig durcheinander brachte. Wahrscheinlich hatten wir inzwischen die Strecke Saßnitz – Oberwiesenthal zurückgelegt, aber Baku kam immer noch nicht in Sicht. So bekamen wir eine Ahnung der unermeßlichen Größe der damaligen Sowjetunion. Riesig groß waren übrigens auch die Füße unseres Reisebegleiters, an denen beim Ausguckhalten stets eine alte Einlegesohle aus dem Schuh klebte. So hatte das geöffnete Zugfenster für uns nicht nur informativen Charakter - „Skoro budjet Baku“ - sondern versorgte uns auch regelmäßig mit Frischluft.

Irgendwann waren wir dann wirklich in Baku. Das genaue Datum und die Uhrzeit sind mir leider entfallen. Der erste Eindruck war nicht der schlechteste. Besonders die herrliche, fast subtropische Wärme (die dann im Sommer zur manchmal fast unerträglichen Hitze werden sollte) begeisterte uns im Vergleich zum eiskalten Moskau. Und noch etwas versetzte uns arg in Erstaunen. Wir waren der Meinung viel Gepäck bei uns zu haben, mussten doch alle Reserven irgendwie ein halbes Jahr reichen. Aber was da in Baku an Kisten, Koffern, Säcken, Beuteln, den legendären vernagelten Paketen, Körben und sonstigem Gepäck der Einheimischen aus dem Zug quoll, überstieg unser Vorstellungsvermögen, was eigentlich so ein Personenzuges alles fassen konnte.

Das Resümee dieser Reise: Einmal muß man mit dem Zug nach Baku gefahren sein, aber dann nie wieder, jedenfalls nicht gleich.

— Wolfgang Schmieder

## Fehler in der Koppeltabelle

*von Hans Steike*

Nach Passieren der sowjetischen Grenze trennten sich in Brest beide Reise-Gruppen und die unsrige kam am nächsten Vormittag pünktlich in Kiew an. Die fremden Marine-Uniformen auf dem Bahnhof erweckten einiges Aufsehen.

Laut Koppeltabelle des Ministeriums hatten wir nun fast 10 Stunden Aufenthalt. Gründlich wie wir Deutschen ja nun mal sind, wollte ich dem auf dem Hauptbahnhof aushängenden Fahrplan gleich entnehmen, von welchem Bahnsteig die Abfahrt erfolgen sollte. Wir konnten ja nicht 10 Stunden lang auf dem Bahnhof hocken. Also „Landgang“ für die Truppe bei Festlegung von Stellplatz und –zeit für die Weiterfahrt. Nur, auf dem Fahrplan fand ich weder die lt. Ministeriums-Plan angegebene Zugnummer, noch die Uhrzeit noch überhaupt einen Zug nach Baku. Da ist wohl mein mickriges Russisch schuld, dachte ich. Aber auch mit kollektiven Anstrengungen konnten wir keinen Zug nach Baku finden. Als wir mit einiger Mühe und mit Händen und Füßen der Dame der Auskunft unser Problem begreiflich gemacht hatten, ernteten wir erst einmal einen mitleidigen Blick und dann prasselte ein Wortschwall über uns nieder. Wir verstanden aber so viel, daß dieser Zug nur alle zwei Tage fährt und gerade heute nicht. Basta!

Da stand ich mit meinen etwa 30 Hansels erst einmal ziemlich bedeppert da. Fast 1 ½ Tage Aufenthalt in einer fremden Stadt, begrenzte finanzielle Mittel und schlechte Sprachkenntnisse. Schließlich machte uns einer der Eisenbahner darauf aufmerksam, daß es in Kiew ein General-Konsulat der DDR gäbe. Auch die Adresse wurde recherchiert. Also rein ins Taxi und hin. Wir trugen unsere Situation vor. Unsere Gesprächspartner amüsierten sich erst einmal köstlich über den Lapsus der Auslandsabteilung des Verteidigungsministeriums. Aber dann half man uns schnell und völlig unbürokratisch. Einige Telefonate und schon war ein Hotel ausgemacht, das genügend Kapazität für unsere ganze Gruppe hatte. Als Preis wurde der Inlandpreis ausgehandelt. Der war für unsere Reisespesen erschwinglich. Den sonst üblichen Touristenpreis hätten wir uns gar nicht leisten können. Selbst ein Transfer-Bus wurde organisiert und ein Konsulats-Mitarbeiter begleitete uns bis zum Einchecken. Dann war erst einmal Freizeit, die wir für ausgedehnte Stadtbesichtigungen nutzten. Die Hauptstadt der Ukraine, malerisch am Dnjepr gelegen, war wirklich sehenswert!

Um die Übersicht zu behalten, hatte ich festgelegt, daß sich 20 Uhr wieder alles im Hotel zum Abendessen einzufinden hat. Als wir in Uniform das Restaurant betraten, trat erst einmal tiefe Stille in dem gut besuchten Restaurant ein. Marine-Uniform im Binnenland erzeugt eben überall Wirkung! Mein Gott, was für Exoten, mögen die Gäste gedacht haben. In kleinen Grüppchen suchten wir uns Platz. Es saß also alles durcheinander. Zaghaft entwickelten sich Verständigungsversuche. Der erste Sekt wurde bestellt. Die Sprachbarriere sank immer tiefer, als man zu Hochprozentigem überging. Das erste Mal spürten wir die sprichwörtliche Gastfreundschaft des Vielvölkerstaates Sowjetunion. Als dann noch eine Tanzkapelle spielte, erreichte die beiderseitige Stimmung ihren Höhepunkt. Der Abend endete mit wodkaseeligen deutsch-ukrainischen Verbrüderungen und der nächste Tag begann für manchen mit einem ausgewachsenen Kater. Als unser Zug dann pünktlich Richtung Baku abfuhr, ärgerte sich niemand aus unserer Runde mehr über den Irrtum des Ministeriums.

— Hans Steike
